von Eckhard Supp - Der britische Weinjournalist Robert Joseph hat dieser Tage in seinem Blog einen in seinen Augen todsicheren Tipp für den Weintrend des Jahres abgegeben: süßer Moscato alias Muscat alias Muskateller, am besten prickelnd, so etwa nach dem Modell des Moscato d'Asti aus den Großkellereien der italienischen Region Piemont oder gleich wirklich von dort. Interessant ist dabei erst einmal nicht so sehr die Frage, ob er Recht hat oder nicht - obwohl das natürlich Weinhändler, die ihre Einkäufe richtig platzieren wollen, brennend interessiert -, sondern die Tatsache, dass Joseph mit seiner Prophezeiung den Trend zur immer stärkeren Aufspaltung des Weinmarkts in industrielle Massenware einerseits und hochwertige Qualitätsprodukte andererseits noch einmal zu bestätigen scheint.
Joseph, der zu den Weinjournalisten gehört, die sich in wirklich vielen Ecken der Weinwelt auskennen, begründet seine Vorhersage recht plausibel, obwohl er natürlich weiß, dass viele angesichts seiner Prognose vielleicht erst einmal die Nase rümpfen möchten. "Überlegt einfach: Wie schmecken die meisten roten, weißen oder Roséweine heutzutage und wie Moscato. Was kommt dem Zeug, das die meisten Leute sonst so lieben am nächsten? Den Limos, Coca Cola, Red Bull, Tonic Water oder all den anderen nichtalkoholischen Getränken ... die sind nämlich allesamt süß ... Sie alle haben dazu beigetragen, das Terrain für den Moscato zu bereiten." Und er erinnert daran, dass auch viele Markenweine heutzutage deutlich süß sind: "Pinot grigio meist mit etwa 5 oder 6 g Restsüße, Yellow Tail Merlot und viele andere Rote mit 10 g, Extra Dry Prosecco so gar mit 17 g pro Liter."
Recht hat er natürlich auch, dass in früheren Jahrhunderten Weine generell deutlich süßer ausgebaut wurden, die Weißen in Bordeaux genauso wie der Barolo, Wein der Könige, und Champagner. In den USA, berichtet Joseph, ist der Moscato bereits der Hit des Moments, und wenn die USA ihn lieben, dann werden da in nächster Zeit auch andere Märkte au den Geschmack kommen.
Nun spätestens wird es jeden Weinfreund und Puristen vor Grauen schütteln, aber Vorsicht, denn hinter dem prognostizierten Trend steckt mehr als nur süßer Wein. Tatsache ist, dass Weinfreunde zu oft glauben, sie seien der Nabel der Welt, ihre Welt sei die Realität des Weinmarkts. Ihre Welt ist eine, die vor allem deshalb Wein trinkt, weil sie kein Cola, keine Limo und keine Energiegetränke mag, vielleicht nicht einmal Bier und Destillate. Ihr Weinmarkt ist einer, auf dem es um Kultur und Qualität geht.
Aber ihre Welt ist natürlich nur ein winziges Segment der Realität. Während sich Liebhaber um Terroir, Charakter, Lagerfähigkeit oder die richtige Stilrichtung streiten, kümmert den Großteil der Verbraucher all das herzlich wenig. Für ihn ist Wein zuallererst ein Getränk, keine Idee und kein Kulturgut, und dieses Getränk muss ihm schmecken. Lecker muss es sein, und möglichst auch billig!
Einem solchen Weinmarkt passt ein möglicher Moscato-Trend natürlich wie angegossen, auch wenn Weinfreunde mit ihm vielleicht nichts zu tun haben wollen und inständig hoffen, dieser Trend möge doch bitte nicht von den USA auf Deutschland oder Europa überschwappen. Umgekehrt allerdings, das vergessen wir, wird ebenfalls ein Schuh daraus, denn das Gros der Verbraucher will seinerseits nichts mit dem "gehobenen" Teil der Realität, mit den großen, vielleicht schwierigen, strukturierten, ausdrucksvollen und teuren Weinen, die womöglich Jahrzehnte bis zur Trinkreife brauchen, zu tun haben.
War die Grenze zwischen dem einen und dem anderen Marktsegment in der Vergangenheit vielleicht noch durchlässig, so dürfte das in Zukunft immer weniger der Fall sein. Immer stärker schotten sich die beiden Welten von und gegeneinander ab, immer weniger wollen die einen mit den anderen zu tun haben.
Man mag das bedauern, aber ich halte es für eine Tatsache, für einen Megatrend, der in wenigen Jahren für zwei vollkommen voneinander abgeschottete Weinmärkte sorgen könnte. Die Voraussetzungen dafür sind zumindest teilweise schon geschaffen: irrwitzig hohe Preise für Kultweine auf der einen, immer niedrigere Preise für Massenware auf der anderen Seite, und rechnet man die Tendenz zu einem immer stärker wachsenden Fassweinmarkt - zu Lasten des Handels mit fertig gefüllter Ware - hinzu, dann erscheint mir dieses Szenario noch wahrscheinlicher.
Was das für die Weinpublizistik, den Weinjournalismus bedeutet, muss sich noch herausstellen. Ich für meinen Teil beschäftige ich mich noch mit beiden Welten, beiden Teilen der Realität. Aber! Ich beschäftige mich mit den Weinen der einen, nur noch mit den ökonomischen, vielleicht auch in begrenztem Umfang den önologischen Fakten der anderen. Dahinter steckt keine Überheblichkeit! Eher der Versuch, realistisch zu sein. Denn, ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass die Konsumenten der Massen- und Markenwelt überhaupt daran interessiert sind, was ich als Weinjournalist schreibe. Weder Fachwissen, noch Storytelling, noch Bewertungen oder was sonst immer der Weinjournalismus hervorbringen kann, sind für sie interessant. Für sie zählt, was lecker und billig ist. Und damit basta!![]()
Kommentare
Es ist doch erstaunlich, dass
Es ist doch erstaunlich, dass im Grunde genommen jedes soziale Phänomen (und dazu gehört der Weinkonsum auch) derzeit eine Tendenz der Spaltung zeigt. Hier halt der Massenweinmarkt mit Billigprodukten auf der einen und der Luxusgütermarkt mit Spekulationspreisen auf der anderen. Und wir Weinliebhaber, die wir weder der einen noch der anderen Welt angehören, bilden quasi die ökonomisch-qualitative Nische. Soweit kann ich das komplett nachvollziehen.
Allerdings frage ich mich spontan, warum der Moscato (oder der Clairette de Die oder der Blanquette de Limoux Ancestrale) immer so ein übles Bashing über sich ergehen lassen muss. Was ein Yellow Tail Merlot oder ein White Zinfandel nämlich vom Moscato unterscheidet (wenigstens prinzipiell), sind zwei Dinge: Tradition und Alkoholgehalt. Der Moscato gilt doch bei traditionsbewussten Piemontesern immer noch als Festtags-Apéritif, und zwar wegen seiner animierenden, leichten Art und wegen seiner Traubenaromatik. Gut, letzteres ist rebsortenspezifisch, aber an sich erkenne ich da erst einmal keinen qualitativen Unterschied zu einem Mosel-Kabinett (welchen Weinnovizen oder Cola-Trinker genauso mögen müssten). Und wenn ich mir beispielsweise den Clairette de Die von Alain Poulet anschaue, den Martin Kössler im Angebot hat (oder wenigstens hatte), dann finde ich schon, dass wir es uns zu leicht machen, diesen Weintypus schlichtweg deshalb abzulehnen, weil es viele schlechte Produzenten gibt.
Ich weiß natürlich, wie das gemeint ist und dass es hier um industrielle Billigproduktion vs Qualitätsweinbau geht. Da bin ich absolut derselben Meinung. Aber ehrlich gesagt, wenn der neue Moscato-Markt sich aus ehemaligen Wodka-Red Bull-Trinkern generiert (und eben nicht aus ehemaligen Qualitätsweinfreunden), dann ist das doch eher ein Grund zum Frohlocken als zum Weinen.
Absolut richtig. Ich trinke
Absolut richtig. Ich trinke selbst gerne, wann immer ich einen in die Finger bekomme, einen delikaten, feinen Moscato, aber leider gehört der Großteil des Moscato auf dem Markt nicht in diese Kategorie. Ich habe auch nichts dagegen, wenn ehemalige Red-Bull-Konsumenten auf Industrie-Moscato umsteigen, ganz im Gegenteil. Deshalb war die Überschrift meines Beitrags auch ein wenig ironisch gemeint, und mein Anliegen war eher aufzuzeigen, dass auch dieser Moscato-Trend (wenn er den eintrifft) die von mir vermutete Aufspaltung des Marktes bestätigt oder sogar unterstützt. Natürlich ist auch diese prognostizierte Aufspaltung noch nicht bewiesen und gesichert, und der eine oder andere Kommentator auf Facebook und Google+ hat auch angemerkt, für ihn sähe es eher so aus, dass der Markt immer durchlässiger wird, die Extreme immer mehr verschmelzen. Sei's! Da werden wir in einigen Jahren schlauer sein. Wenn diese Tendenz sich aber so durchsetzt, wie ich es im Artikel befürchtet habe, dann könnte unsere Position als Weinliebhaber "zwischen 2 und 1.500 Euro" ziemlich schwierig werden und wir können nur noch hoffen, dass die Preisblase der Kultweine möglichst rasch platzt, um zu einer insgesamt größeren Preisharmonie zurückzufinden.
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