Manchmal scheint es, als würde in Kreisen von Weinliebhabern und -profis heutzutage mehr über Korken, ihre Probleme und Alternativen als über Wein selbst diskutiert. Was einst nicht viel mehr als die beste aller unvollkommenen Möglichkeiten sein sollte, Weinflaschen für den späteren Genuss zu verschließen, hat sich in den letzten Jahren zum Gegenstand eines Glaubenskriegs verselbständigt, in dem unter Einsatz von viel Getöse und noch mehr Geld der Wahrheit letzter Schluss gesucht wird - vorerst wohl vergeblich! |

Die Schlacht ist schon lange eröffnet. Nein, nicht die am kalten Buffet. Bei der Schlacht, von der hier die Rede ist, geht es nicht um ein paar Kaviar-Happen, um Shrimps oder Lachsbrötchen, sondern um die handfesten Interessen eines Geschäftszweiges, der als Zulieferer der Weinindustrie Jahr für Jahr Millionenbeträge umsetzt: der Korkindustrie.
Das Problem ist schnell benannt, aber dennoch schwer zu fassen. Es geht um den so genannten Korkschmecker, einen faulig-modrig-bitteren Geruchs- und Geschmackston, der - zumindest so viel weiß man heute - ausschließlich bei Weinen auftritt, die mit Naturkorken aus der Rinde der Korkeiche verschlossen wurden. Mal Mund einen leicht bitter-scharfen Geschmack an, der nur schwer von anderen Weinfehlern zu unterscheiden ist. Dann wieder riecht und schmeckt der Wein so muffig und faulig, dass er absolut ungenießbar ist.
Der chemische Verursacher des Korkschmeckers ist eine Substanz namens 2, 4, 6 -Trichloranisol, kurz TCA genannt, die durch Einwirkung eines Schimmelpilzes entsteht und durch Bleichen des Naturkorks mit Chlor noch verstärkt wird. Man schätzt heute, dass fünf bis zehn, manche Kritiker sprechen gar von 15 Prozent aller mit Naturkork verschlossenen Flaschen an mehr oder weniger gravierenden Korkschmeckern leiden, auch wenn die Korkindustrie und ihre nahe stehende Kreise meist nur eine Rate von einem bis maximal drei Prozent zugeben. Selbst unter der günstigen Annahme von nur drei Prozent wären das weltweit immerhin mehr als 250 Millionen verdorbener Flaschen jährlich.
Dass das Problem des Korkschmeckers in den letzten Jahrzehnten so gravierend geworden ist, liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass die in Flaschen gefüllte Weinmenge - früher wurde Wein ja vor allem in Ländern mit starkem Konsum "offen" verkauft und konsumiert - in diesen Jahrzehnten exponentiell gewachsen ist. Die Korkproduktion konnte mit dieser Entwicklung nur mühsam Schritt halten, was einerseits zu einer rapiden Verteuerung, andererseits zu einer ebenso rapiden Verschlechterung des Produkts führte.

Obwohl schon den alten Ägyptern, Griechen und Römern bekannt, lösten Stopfen aus der Rinde der Korkeiche in Mitteleuropa ja erst mit der Entwicklung der Glasflaschen im 17. Jahrhundert Holz, Stoff, Pech und Wachs als gängige Verschlussmittel für Weinbehältnisse ab. Eine regelrechte Korkindustrie entstand sogar erst im Gefolge der Entwicklung des Champagners zum industriellen Produkt im Laufe des 19. Jahrhunderts. Umso erstaunlicher muss es anmuten, mit welcher Selbstverständlichkeit Kork in der Fachwelt wie auch der breiten Öffentlichkeit als einziges, undiskutiertes Verschlussmaterial für Weine akzeptiert ist.
Umfragen, wie sie verständlicherweise die Korkindustrie gerne verbreitet, zeigen, dass Verbraucher in ihrer breiten Mehrheit Stopfen aus Naturkork für wertiger und symbolträchtiger halten als alle Alternativ-Verschlüsse. So ergab eine im Auftrag des Portugiesischen Korkverbands APCOR in den USA, Australien und Großbritannien durchgeführte Studie, dass 75 der Befragten Naturkork auf Weinflaschen bevorzugten, nur neun Prozent sprachen sich für Plastikkorken aus. 26 Prozent der Befragten erklärte außerdem, "echter" Kork sei für sie ein wichtiges Element bei der Kaufentscheidung. Nur neun Prozent schienen im Gegenzug überhaupt einmal davon gehört zu haben, dass Kork Weine verderben kann.

Die beiden Zahlen zeigen überdeutlich, dass die fehlende Akzeptanz von Kork-Alternativen ein Problem von Gewohnheiten und von mangelnder Aufklärung ist. Tatsache ist, dass Naturkork einen erheblichen qualitätsmindernden Einfluss auf gefüllte Weine hat. Dies beweist nicht zuletzt die jüngst veröffentlichte Studie der britischen Wine & Spirits Association, die zu dem Resultat kam, zwischen 0,7 und 1,2 Prozent der in Großbritannien verkauften Weine seien korkig. Dass die Fehler-Rate in dieser Untersuchung noch recht niedrig ausfiel, ist dabei wohl vor allem den Vorgaben an die Tester "zu verdanken", die nur solche Flaschen monieren durften, die auch vom Durchschnitts-Verbraucher als korkig erkannt worden wären.
Hier liegt denn auch das wahre Ärgernis für viele Winzer, die sich von seiten ihrer Kunden häufig mit Vorwürfen konfrontiert sehen, die eigentlich auf das Konto des Korkens gehen. Für den nicht aufgeklärten und im nämlich schlicht der Wein, der nicht schmeckt, und über die Ursachen macht er sich nur in den seltensten Fällen Gedanken. Den Schaden hat nicht die Korkindustrie, sondern der Winzer.
Wie hoch die tatsächliche "Kork"-Rate anzusetzen ist, zeigten zwei andere Veröffentlichungen der letzten Jahre. Die britische Wein-Autorin Jancis Robinson berichtete so auf ihrer Website vom 2002 National Riesling Challenge in Australien, auf dem die Juroren mehr als 10 Prozent der Proben als "korkig" zurückwiesen, während von den Proben mit Schraubverschluss nur eine einzige beanstandet werden musste. Eine Studie der Staatlichen Versuchsanstalt in Oppenheim, von der die Zeitschrift "Der deutsche Weinbau" im März 2002 berichtete, zeigt, dass im Vergleich mit "außenabdichtenden" Verschlüssen (Schraubverschluss) sämtliche "innenabdichtenden" Varianten eine mehr oder weniger signifikante Verschlechterung zeigten: Kunstoff wurde mit 23 von 98 möglichen Stimmen als schlechter bewertet, Naturkork mit 27, Altec mit 50 und Presskork sogar mit 94 von 98 möglichen Stimmen (sic!). [...]
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