Manchmal sind die erzwungenen Umwege die besten. Ohne die Schließung des Gotthard-Tunnels hätte ich auf dem Rückweg von einer herbstlichen Reise ins Wein- und Trüffelparadies des piemontesischen Alba wohl kaum den Weg über Aostatal und Großen Sankt Bernhard genommen. Und hätte eben auch nicht in Gignod Halt gemacht – einen arbeitsreichen Tag mit vielen Weingutsbesuchen hinter und die Fahrt nach Hamburg vor mir. |

Wäre da nicht die Empfehlung von Elio Altare, einem der renommiertesten Barolo-Winzer, gewesen, ich wäre an dem unscheinbaren Gebäude mit seinen steingrauen Blendmauern wahrscheinlich einfach vorbeigefahren. Dicht an die Passstraße gebaut – die aber nachts so wenig befahren ist, dass die Bettruhe nicht getrübt wurde – wirkte es in der Dunkelheit nicht eben einladend. Auf den zweiten Blick jedoch, vor allem aber nach einem Blick durch die Fenster, strahlte die Locanda eine solche Wärme aus, dass der Gedanke, vielleicht doch einfach weiter zu fahren, so schnell wieder verschwand, wie er gekommen war.
Ein wenig verschlossen sind die Bergbewohner des Aostatals Fremden gegenüber anfänglich schon, aber sie tauen auch in Rekordzeit auf. Vor allem, wenn sie merken, dass der Gast sich wirklich für ihre gastronomischen Leistungen interessiert. Und die haben es in sich! Schon die Weinkarte mit ihrer Auswahl an Valdostaner Gewächsen, ergänzt durch das ganze Spektrum des italienischen Weinbaus und große Piemonteser Namen zu interessanten Preisen, spricht für sich. Hier muss man keinen "Kindermord" begehen - zu junge und noch nicht trinkreife Weine öffnen -, wenn man Barolo oder Barbaresco bestellt, denn das Clusaz bietet auch ältere Jahrgänge zu immer noch bezahlbaren Preisen. Ein Pinot noir vom kleinen, aufstrebenden Weingut Di Barrò im Tal, so wird sich zeigen, begleitet die deftige Küche aufs Beste und ergänzt sie mit seinem typischen Pilz- und Unterholzduft.
Gegessen wird, was auf den Tisch kommt! An diese alte Hausregel erinnert mich die Speisekarte mit ihren lediglich zwei Menüs. Ein Menü Tradition für EUR 26 und ein Saisonmenü, das vier Euro mehr kostet – macht mit einer Flasche nicht allzu extravaganten Weins bei zwei Personen eine Rechnung von weniger als EUR 50 pro Kopf.

Wer deftige, regionaltypische Gerichte liebt, der sollte auf jeden Fall zum Traditionsmenü greifen. Die duftenden und schmackhaften Rezepte der Valdostaner Küche lassen sogar die hochgezüchtete, allerdings gelegentlich auch etwas langweilige Piemonteser Küche vergessen. Ein aromatischer Traum die „soupe Vapellenentse“, eine Brotsuppe mit Kohl und Fontina-Käse. Dazu wird das typische Valdostaner Brot gereicht, das nur ein oder zwei Mal im Jahr gebacken wird und dann Monate halten muss. In absolut gleichmäßiger, moderater Hitze gegart, ist es trocken, wird aber nie hart.
Wenn hier „su fuoco a legna“ auf der Karte steht, dann ist auch Holzkohlenfeuer „drin“ – jedenfalls gilt das für die Carbonada, die Rinderkarbonade, die wirklich Rauchgeschmack vom offenen Feuer hat. Und in dieser Authentizität reiht sich Gang an Gang, bis zu den köstlichen Desserts, für die Das Clusaz weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt ist. Zufall oder nicht - auf jeden Fall war die Etappe in Gignod den erzwungenen Umweg wert.
Locanda – Ristorante La Clusaz, Fraz. La Clusaz 1, I - 11010 GIGNOD, Tel: +39-0165-56075, laclusaz@libero.it, Doppelzimmer EUR 75,-
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