"Das Jahr 2002 endete für den fränkischen Wein in einem regelrechten Desaster. Der Abverkauf brach ... um insgesamt 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. Derzeit sollen sich die Lagerbestände auf gut das Doppelte der Erntemenge von 2002 (420.000 hl) belaufen." Das war, vor ziemlich genau acht Jahren, die Situation des fränkischen Weinbaus - nachzulesen in den WorldWine News vom 23.1.2003.
Wer heute das fränkische Weinland besucht, dem bietet sich ein Bild, das von diesem Krisenszenario meilenweit entfernt scheint. Modernste Architektur in vielen Weingütern, selbstbewusste Winzer und vor allem tolle Weine auf recht breiter Front. Deshalb konnten wir in unserem Verkostungsreport "Neues Franken" vom vergangenen September auch ein überaus positives Resümee ziehen: "Das Ergebnis unserer Verkostungen bedarf kaum eines Kommentars: Es zeigt, dass Franken längst wieder Anschluss an die Qualitätselite des deutschen Weinbaus gefunden hat."

Wie die Region es denn geschafft habe, sich sozusagen am eigenen Schopf aus dem Schlamassel zu ziehen, fragte ich anlässlich eines Treffens nach diesen Verkostungen den Präsidenten des fränkischen Weinbauverbands, Artur Steinmann, in seinem Weingut in Sommerhausen. "Zunächst einmal muss man ganz klar sagen", erklärt dieser, "dass wir Mitte der 1990er-Jahre große Fehler gemacht haben, die uns überhaupt erst in die Krise führten.
Wir waren in eine Art Produktionswahn hineingeschlittert, ohne auf die Qualität der Weine und auf deren Marktchancen zu achten. Es geht ja so schnell, und manchmal leidet man einfach an Selbstüberschätzung, glaubt, selbst bei Erträgen von 200 hl pro Hektar immer noch gute Weine machen zu können. Dazu kamen noch zwei sehr große Ernten mit 6 oder 700.000 hl statt der durchschnittlichen 4 bis 500.000, und plötzlich schoben wir eine Bugwelle von ein bis zwei Jahresernten in Form von Lagerbeständen vor uns her."
"Die Krise zwang uns dann zum Glück zur Umkehr. Sie zwang uns, Vergleiche anzustellen, nachzudenken." Eine Art Initialzündung für die Erneuerung ging dabei von der Vereinigung Frank und Frei aus, die von einer Gruppe qualitätsorientierter Winzer - auch Steinmann gehörte dazu - bereits Ende der 1990er-Jahre gegründet worden war und sich die Kreation eines modernen Weintyps aus dem altbackenen, ziemlich ungeliebten Müller-Thurgau zum Ziel gesetzt hatte.
"Die Erfahrung von Frank und Frei hat uns gezeigt, dass man die Weine verbessern kann, verbessern muss, und dass man auch im Eingangsbereich gute Qualitäten liefern muss. Dass die Weine dann auch wieder getrunken werden, und der Kunde sogar bereit ist, mehr dafür zu bezahlen. Diese positiven Erfahrungen haben dmit der Zeit immer mehr Betriebe motiviert, selbst wieder auf Qualität zu setzen, und auch die Altbestände, die Bugwelle, die wir vor uns herschoben, konnten wir still und heimlich entsorgen, ohne Intervention des Staates und ohne Hilfe von außen. Die unverkäuflichen Weine wurden vollständig als Verarbeitungsweine an Brennereien, Essigfabriken etc. verkauft. 2007 lag die Bestandsmenge dann erstmals wieder unter dem Erntevolumen."
Die Krise zu überwinden und eine nachhaltige Geschäftsgrundlage für die Zukunft zu entwickeln, sind aber zwei Paar Schuhe. "Wir Winzer", weiß Steinmann, "müssen uns über die Region profilieren. Und da muss auch die Landschaft passen, da muss die Gastronomie, müssen die Übernachtungsmöglichkeiten passen. Deshalb haben wir schon 1994 begonnen, ein Konzept für Weintourismus zu entwickeln. 10 Jahre hat die Aufbauarbeit dafür gedauert, und damit begonnen, das Konzept in die Tat umzusetzen, haben wir dann erst 2004."

"Dabei haben wir zu Beginn auch gar kein Geld mobilisiert, sondern nur Ideen, haben alle Verbände und Institutionen in ein Netzwerk integriert, und diese wiederum haben unsere Ideen dann sukzessive in ihre Arbeit einfließen lassen. Unsere Fragestellung war: Wie können wir unsere Landschaft so gestalten, dass der Gast sich in ihr wohlfühlt und der Winzer trotzdem rentabel in ihr arbeiten kann."
So gut dieses Konzept auch klingt, zu seiner Durchsetzung bedarf es offenbar noch einiger Arbeit. Der Knackpunkt scheint dabei die Gastronomie der Region. Nein, schlecht ist das kulinarische Angebot nicht! Und es hat einen gewissen Charme, zum Beispiel in der altehrwürdigen Frickenhäuser Weinstube Ehrbar einen Blauen Zipfel - in Gemüsesud gegarte Bratwurst - oder Wildschweinbratwürste zu essen, gleich gegenüber und etwas moderner vielleicht die Hechtsfilets, die von einheimischen Fischern geliefert werden.
Das ist von einer wünschenswerten Symbiose zwischen Gastronomie und Spitzenweinbau noch meilenweit entfernt. Um Spitzenweine anbieten und absetzen zu können, reicht es ja beileibe nicht aus, im Weinberg und im Keller gut zu arbeiten. Man muss auch die richtige, zahlungskräftige Klientel erreichen. Und die dürfte sich kaum von Blauen Zipfeln und Hechtsfilets in dunkel getäfelten Dorfgasthäusern nach Franken locken lassen. Für sie wären touristische und gastronomische Angebote notwendig, die Klasse und Authentizität vereinen. Zum Beispiel Fünf-Sterne-Hotels in den Schlössen und Barockpalästen der Region - Golfplatz angeschlossen, versteht sich. Oder aber Zwei- und Drei-Sterne-Restaurants mit regionaltypischer und gleichzeitig moderner Küche.
Doch davon ist Franken noch ein ganzes Stück weit entfernt. Oder würden Sie nicht auch, wenn man Ihnen vorschlüge, nach Franken zu fahren, erst mal an nachmittags um 5 hochgeklappte Bürgersteige denken, an Hotels mit Betten, die den Orthpäden jubeln lassen und grüne Sanitäranlagen aus den 1970ern? Dass ein ohne Frage wunderschönes und vor allem toll geführtes Hotel wie das des Weinguts Meintzinger in Frickenhausen hier schon als Spitzenbetrieb gilt, ist sicher schön für die sympathische Winzerfamilie, wirft aber ein ingesamt nicht sehr freundliches Licht auf die Region.
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Das Verdikt gilt in abgewandelter Form auch für die Gastronomie: Von Sterneniveau ist die zum größten Teil mindestens ebenso weit entfernt, wie umgekehrt das Sternerestaurant Philipps in Sommerhausen von so etwas regionaltypischer Küche. Natürlich steht das, was Michael und Heike Pilipp dort auftischen, auf wirklich sehr hohem Niveau. Aber dass die Lendenschnitte unbedingt aus Neuseeland importiert sein, die Tafelspitzröllchen mit Wasabi serviert werden müssen, hilft der Region kaum. Denn: Für ein Angusfilet wird eben niemand eigens von München, Stuttgart oder Berlin nach Sommerhausen fahren. Und wird dann eben auch keine fränkischen Spitzenweine kennenlernen oder sogar kaufen. [...]
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