Eigentlich hätte das Neue Jahr nicht besser beginnen können! Der "Stern", eines der großen Wochenmagazine dieser Republik, kündigte eine 24 Folgen starke Serie über Wein an, ein Weinseminar mit flüssigen "Beweisstücken" sozusagen, die zum Sonderpreis geordert werden können. Einmal abgesehen von der Frage, ob es mit den Prinzipien eines unabhängigen und kritischen Journalismus vereinbar ist, einem einzigen Weinhändler ein Handelspaket dieses Ausmaßes zuzuschustern, kamen wir bei der Lektüre des umfangreichen Dossiers, das der Stern zu Beginn der Serie veröffentlichte, aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
"Die Beeren", so hieß es da, und gemeint waren die der Weintrauben, "enthalten unter anderem Wasser, Zucker und Pektin." Aha! Pektin also ist ein zum Weinmachen wesentlicher Bestandteil von Weinbeeren? Sicher enthalten Weinbeeren ein wenig Pektin, das allerdings bei zunehmender Reife der Trauben zum größten Teil verschwinden sollte. Aber wesentlich für das Weinmachen ist dieses Pektin sicher nicht. Was würde der Verfasser einer solchen Gewichtung sagen, wenn man ihm als wesentliche Bestandteile eines Autos die Windschutzscheibe, die vier Räder und die digitale Uhr im Armaturenbrett verkaufen wollte?
Und es geht munter so weiter: Rotwein wird erzeugt, indem man "... die Häute (der Beeren, d. Red.) nach dem Pressen mit in den Gärtank (gibt), wo der Wein die Häute auslaugt ..." Von allzu häufigen Besuchen in Gärkellern zeugt solcher Unsinn nicht unbedingt, und dass Maischen und Pressen nicht dasselbe sind, hätte man in jedem guten Einsteigerbuch zum Thema Wein nachlesen können.![]()
Neben flapsigen Bemerkungen vom Stil "Die alkoholische Gärung geschieht fast von allein und ist letztlich ein Verdauungsprozess ..." bis hin zu irrwitzigen Behauptungen wie " ... zieht der Winzer den Wein ab, filtert ihn und lässt ihn luftdicht in Fässern reifen" - luftdicht! Aha! - und in jeder Hinsicht kompetenzfreien Bemerkungen vom Schlage "... Kühl (bei der Gärung, d. Red.) ist schön, dann arbeitet die Hefe hübsch langsam, wodurch der Wein Zeit hat, die Farb- und Geschmacksstoffe aus den Beerenhäuten zu lösen" (deshalb erhitzen viele Weinmacher ihre rote Maische auch!, d. Red.) steht kaum ein Satz, kaum ein Abschnitt dieses so genannten Weinseminars auch nur auf Einsteigerniveau.
Wenn dann noch die Wüsten Gobi und Kalahari, die Kasachensteppe, die australischen Nullarbor Plains, der zentralafrikanische Dschungel, die Rocky Mountains und der kanadische Norden in einer pompösen Weltkarte als Regionen mit "günstigem Weinbauklima", China hingegen als im Wesentlichen weinbaufrei dargestellt werden, wenn unter den 16 "weltweit wichtigsten Rebsorten" Bacchus und Trollinger, Müller-Thurgau und Scheurebe auftauchen, von Cabernet franc oder Sangiovese, von Tempranillo und Grenache, Chenin, Nebbiolo oder Mourvèdre dagegen keine Rede ist, dann muss man sich fragen, ob die Verantwortlichen für dieses Desaster nicht doch besser einmal kurz in die Gelben Seiten geschaut hätten, bevor sie zu Werke gingen.
Dass die Araber im Mittelalter nicht "Komplizen im Plündern" der "alles zertrampelnden Met-Germanen" waren, sondern Kulturdenkmäler von bis heute unschätzbarem Wert schufen und vielerorts - obwohl sie selbst keinen Wein tranken - sogar die einheimische Weinerzeugung nicht antasteten, sollte man als verantwortlicher Redakteur eines renommierten Wochenmagazins aber dann doch, bitteschön!, auch ohne die Gelben Seiten wissen. Schade! Wieder eine gute Gelegenheit verpasst, Menschen an das Genussmittel Wein heranzuführen!
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