von Eckhard Supp - Ich höre sie schon wieder, die Apologeten des "Für den einfachen Konsumenten muss man gar nicht so genau sein". Da frage ich mich nur: Muss ich dem "einfachen Konsumenten" deshalb gleich einen Bären aufbinden, ihm schieren Unsinn erzählen? Die Debatte ist in den Social Media in der letzten Zeit so oft geführt worden, dass es mir fast widerstrebt, sie nochmals zu provizieren. Aber dieses Buch kann man nicht einfach totschweigen!
Sorry, ich fange besser von vorne an! Gleich vier Mal traf die Ankündigung für das neue Buch bei uns ein: "Lesen Sie ..., warum WEIN anders ist als andere Weinbücher und auf welche Fragen zum Thema Wein – auch Alltagsfragen – es Antworten bereithält." Und natürlich wurde die Klaviatur der Seltenheit, der großen Nachfrage, der Exklusivität ausgiebig gespielt - nicht wirklich geschickt allerdings: "Sehr gerne vermerke ich Sie für ein Rezensionsexemplar. Nun muss ich aber leider sagen, dass ich nicht explizit darauf verwiesen habe, dass wir die Exemplare zur Verfügung haben werden – noch haben wir sie nicht. Das Buch ist gedruckt und wird gerade gebunden. Anfang Oktober, kurz bevor es auf den Markt kommt (Plan: 10. Oktober), werden wir die Exemplare erst hier haben und ich weiß genau, wie viele es sind. Entschuldigen Sie bitte die Verwirrung. Soll ich Sie dennoch auf der Liste vermerken?"
Wenig später hieß es dann: "Wir haben versprochen, mich zu melden, sobald Rezensionsexemplare zur Verfügung stehen. Da die Nachfrage so groß war, bitten wir Sie um eine Rückmeldung: Ich freue mich, wenn Sie mir so bald wie möglich das beigefügte Response-Formular ausgefüllt zurückschicken, wenn Sie Interesse an einem Exemplar haben."
Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nach dieser Ankündigung zumindest einen Verschnitt aus Goethes Faust, der 30-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie und Simmels "Es muss nicht immer Kaviar sein" erwartet. In schlechtem Deutsch vielleicht, aber immerhin! Um so mehr war ich dann erst einmal verblüfft, als ich das Buch, das nach dem langen Vorspiel endlich eingetroffen war, auspackte.
Format und äußere Erscheinung sahen eher nach Kalender oder Kladde aus, und der karge Schriftzug "Wein" ließ auch keine allzu üppigen Rückschlüsse auf den genauen Inhalt zu. "Wein", das war alles, was der Umschlag des Buches hergab, einmal auf der Cover-Vorderseite und einmal auf dem Buchrücken. Sonst nichts! Kein Verlag, kein Autor, kein Untertitel, keine Inhaltsangabe auf dem Rückumschlag. Nichts! Sorry, doch! Eine Kleinigkeit gab es doch: Ein "MP" auf dem Buchrücken, dessen Bedeutung - es ist das Kürzel für den weltberühmten Millefeuille Press Verlag. Hätten Sie doch bestimmt gewusst! Odrrrr? - sich mir aber erst nach weiterem Blättern erschlos.
Auch die ersten Seiten des Buches gaben nicht mehr her. "Wein"! Da, nochmal! Und dann, zwei Seiten weiter, in unübertrefflichem Deutsch: "Wein. Die Basis vom Wein" und der vollständige Name des Verlags. Auch hier immer noch keine Spur von den Autoren, und selbst das Vorwort, das mit "Die Autoren" unterzeichnet ist, gab die drei Namen nur dem preis, der es bis zum Ende las. Eine verlegerische Glanzleistung, das stand zu diesem Zeitpunkt schon mal fest.
Im Vorwort dann auch der Anspruch der Autoren: "Warum sollten wir noch ein Buch über Wein schreiben, wenn es Dutzende andere zu kaufen gibt? Dafür gibt es gute Gründe ... ein Buch ..., das alles Wichtige über Wein enthält und dabei klar strukturiert und einfach zu gebrauchen ist." Ich hör sie schon wieder jubeln, die Taliban der "einfachen Schreibe für den Endverbraucher". Und wirklich: "Aber es gibt noch mehr Gründe. Dieses Buch ist sowohl für den Anfänger geeignet ..., als auch für den Kenner ...".
Na dann! Nichts wie rein ins Vergnügen! "Was ist Wein" lautet der Titel des ersten Kapitels vielversprechend. "Wein besteht bis zu 90 % aus Wasser. Bei der Vergärung von Zucker durch Hefen entsteht Alkohol, der bis zu 15 % betragen kann." heißt es da vielversprechend, und selbst wenn man einmal außer Acht lässt, ob da jetzt Volumen- oder Gewichtsprozente gemeint sind, ist klar: Einiges von dem, das ich in der Vergangenheit gerne als Wein getrunken habe, war letztendlich dann wohl doch kein Wein - weder der mehr als 16-prozentige Amarone, noch der leckere Vintage-Portwein mit seinen 20 Vol.-%. In diesem Stil geht es dann weiter: "Der Säuregehalt beträgt in der Regel 5 - 10 Gramm pro Liter Wein." Jetzt fallen auch noch einige der herrlichen Dessertweine, die ich in den letzten Jahren genießen durfte, mit ihren monströsen Säurewerten aus der Definition heraus. 'Was bleibt denn dann noch? Langsam werde ich sauer!
Auf der selben Seite geht es munter weiter: "Tannin und Anthocyane gehören zur Gruppe der Phenole und kommen hauptsächlich in Rotweinen vor." Einmal davon abgesehen, dass Tannine Phenole und Anthocyane Flavonoide sind, dass mit den Anthocyanen verwandte Farbstoffe natürlich auch in Weißweinen vorkommen, frage ich mich, was an diesem Kauderwelsch - selbst wenn es inhaltlich korrekt wäre, "für Anfänger geeignet" sein soll. Zumal keine einzige dieser ganzen Geheimformeln auch nur annähernd verständlich erklärt ist: Tannine sind Phenole? Und was, bitte schön, sind Phenole?
Irgendwie kommt mir das Ganze schon auf S. 10 so vor, als habe ich kein Buch für "Anfänger" vor mir, sondern irgendwelche zusammengeflickten Schulungsunterlagen für die Ausbildung zum "Master of Wine". Wobei die weitere Lektüre mich dann doch hoffen lässt, dass die "Masters of Wine" nicht den Unsinn lernen müssen, der da noch kommt.
"Die Besten (Weißweine, E. S.) können bis zu 10-15 Jahre reifen und dabei komplexer werden." (S. 28) Da muss ich wohl die trockenen Weißen aus den 1980ern, die ich gerade trinke, alle wegschütten? Und die 50 Jahre alten trockenen Rieslinge, die ich schon verkosten durfte, gehörten nicht zu den Besten? "Manzanilla und Fino ... sollten innerhalb eines Jahres getrunken werden"? (S. 28) Warum das noch keiner der vielen Sherry-Erzeuger kapiert hat, die die beiden Qualitäten erst nach einer Ausbauzeit von drei bis fünf Jahren vermarkten. Sind schon richtige Dummköpfe, diese Sherry-Erzeuger!
Wirklich erbaulich dann auch die Länderkapitel. Da werden Frankreich und Italien immerhin noch auf vier Seiten (zwei Textseiten, denn einer Textseite steht immer eine Fotoseite gegenüber), abgehandelt, während sich Deutschland schon mit Österreich in vier Seiten teilen muss. Wundert es da noch, dass auf der Deutschland-Seite nur ein einziges Mal, und zwar in einem (!) Satz über die Ahr, von den Rotweinen die Rede ist, vom herrlichen Spätburgunder, der hierzulande inzwischen in fast allen Weinbaugebieten gekeltert wird?
Auf der Österreichseite erfahren wir dann, dass "Österreich ... eine kühle Weinbauregion ..." ist, was schon definitorisch schlichter Humbug ist, und wir lernen, dass die Weine von der Donau sich durch "die präzise Aromatik" auszeichnen. Klaro! Und da wir ja im Land der Dichter und Denker leben, ist natürlich auch für jeden Anfänger sonnenklar, was er unter einer "präzise(n) Aromatik" zu verstehen hat! Sonnenklar, auch, was die Qualitätsstufen der Wachau zu bedeuten haben: "In der Wachau wird zwischen der "Steinfeder" und "Federspiel" Weinen unterschieden. Die besten komplexen Gewächse werden als "Smaragd" bezeichnet." (S. 46) Sonnenklar, für unsere Anfänger! Oder etwa nicht?
Übrigens: Wussten Sie schon, dass Chenin blanc "meist nach nasser Wolle" (S. 48) riecht? Dass das Clare Valley eines der kühlen Anbaugebiete Australiens ist? Dass "bei Spitzenweinen, die von einer Entwicklung in der Flasche profitieren ... nicht auf den teuren Naturkork verzichtet werden .." kann? (S. 56) Dass Weinstein und Korkschmecker seit Neuestem zu den Weinfehlern gehören? (S. 62) Dass die Bewässerung "in der EU ... verboten ist". (S. 140)
Noch immer irgend jemand der Meinung, es sei eh Wurscht, was man Endverbrauchern erzählt? Der sollte dann aber bitte nicht S. 76 lesen. Da heißt es nämlich: "Leider ist "Weinjournalist" keine geschützte Beruftsbezeichnung, was bedeutet, dass jeder, der sich dazu berufen fühlt, über Wein schreiben darf. Eine Weinausbildung ist dafür nicht erforderlich. Das ist bedauerlich, denn es wird sehr viel Fragwürdiges, wenn nicht gar Falsches über Wein publiziert." Wohl wahr! Dafür haben die Autoren dieser Kladde nur wirklich den ultimativen Beweis geliefert!
Wein. Die Basis vom Wein, Millefeuille Press Verlag, 2011 Stekene (Belgien), 286 Seiten, 28,50 Euro.
Kommentare
Wer sich einen Eindruck von
Wer sich einen Eindruck von dem Buch verschaffen möchte,
kann das hier tun http://www.tongmagazine.com/pdf/21-DUITS__.pdf
Viele auch hier von E. Supp besprochene Seiten lassen sich downloaden. Interessant zum Beispiel, was da so alles zur Weinbereitung geschrieben wird.
Einstein soll einmal gesagt haben: "Mache die Dinge so einfach wie möglich - aber nicht einfacher." Nach der Lektüre möchte man ergänzen: Bitte rühre sie nicht durcheinander und mache sie danach für den Seitenspiegel passend!
Jaja, die Schreiberlinge: Die
Jaja, die Schreiberlinge: Die einen ziehen über die anderen her und können es selber nicht besser.
Wer spitzfindig liest und reißerisch kritisiert - wie in obigem Beitrag - sollte selber fundiert informiert sein: Flavonoide sind ebenfalls phenolische Verbindungen!
Insofern gilt der letzte Abschnitt des Beitrags wohl auch für Blogger...
@Egon Krummel Wie gesagt, der
@Egon Krummel Wie gesagt, der Aspekt, ob Anthocyane Phenole sind, interessierte mich an der Stelle gar nicht. Aber wenn man schon dieses Fachchinesisch verwendet, muss man es auch präzise einsetzen. Beim Wein wird aus gutem Grund gerne Tannin mit Phenol gleichgesetzt - zumindest in der täglichen Praxis -, da Weinfehler wie beispielsweise phenolische Noten den Tanninen zuzurechnen sind und mit den Anthocyanen nicht viel zu tun haben. Genauso wenig wie mit anderen aus der Gruppe der phenolischen Verbindungen, wie beispielsweise dem Vanillin. Wer in der zitierten Weise Tannine und Anthocyane in einen Topf wirft, sorgt nicht für Klarheit, sondern für Verwirrung. Die Definition des Begriffs Phenole, die ich in meiner kleinen Polemik eingefordert habe, hätte diesen Punkte sicher klären können.
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