Von Astrid Schwarz – Am 4. Dezember habe ich eine meiner schönsten Weinproben erleben dürfen. Eberhard Spangenberg hatte anlässlich des 25jährigen Bestehens seiner Weinhandlung „Garibaldi“ zu einer Vertikalverkostung nach München geladen. Degustiert wurden zwei toskanische Rotweine, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Chianti Rufina Selvapiana und der Fontalloro von Fattoria di Felsina, beide reinsortige Sangiovese-Weine, „Sangiovese in purezza“.
Durch die Probe führte uns Franco Bernabei, seit vielen Jahren als Önologe auf beiden Weingütern tätig. Ich kenne Franco seit Mitte der 80iger Jahre, aus meiner Zeit in Montalcino. Ich habe viel von ihm gelernt und er ist mir als Perfektionist und Tüftler in Erinnerung geblieben.
So hatte er auch an diesem Abend alle genauen Daten der Weine, den Klimaverlauf der Jahrgänge und graphische Darstellungen der Geschmackskomponenten dabei. Normalerweise mache ich mir nicht viel aus Analysedaten, aber diesmal war es faszinierend die „trockenen“ Daten der zwölf Weine zu vergleichen.
Es begann mit einem 1964er (!) Chianti Rufina Riserva. Der Sommer war heiß, die Trauben litten unter Hitzestress, Mitte September regnete es… Die Analysedaten würden eher einen dünnen und säurebetonten Wein erahnen lassen: 11,81 % Alkohol, 6,34 Säure, 25,24 g Trockenextrakt und einen Polyphenolwert von 2266. Hier meine Verkostungsnotizen: ziegelrote Farbe, komplexe Nase, Pilze, Waldboden, Feigen, Schokolade, am Gaumen gut eingebundene Säure, feingliedrig, elegant. Ich habe den Wein für mich mit vier von fünf Sternen bedacht. Zum Vergleich gab es zwei weitere Weine von Selvapiana, den 1979er und den 1985er Vigna Bucerchiale. Beide Weine wirkten noch sehr lebendig, der 1985er gefiel mir am Gaumen mit Kraft, guter Säure und noch deutlich präsenten Tanninen.
Die zweite Dreierrunde begann mit Fontalloro 1990 und 1995, sowie Bucerchiale 1995. Auch hier begeisterte mich der Chianti Rufina: schönes, lebendiges Rubin, sehr komplexe Nase, rote Früchte, am Gaumen Frucht pur, frische Säure, super Tannine. Trotz des wechselhaften Wetterverlaufs und später Reife erreichte der Bucerchiale die höheren Extraktwerte von 32,70 (Fontalloro 26.01) und die Polyphenole lagen bei 2975 (2359). Wenn man bedenkt, dass Selvapiana 80 Kilometer nördlicher von Felsina, am Fuße des Appenins liegt, sind das interessante Erkenntnisse. Von mir gab es die Höchstnote: 5 Sterne!!
Danach begann die „Neuzeit“. Im Dreiervergleich standen Bucerchiale 1999, Fontalloro 1999 und Fontalloro 2000. 1999 wurde die Lese auf beiden Weingütern ungewöhnlich früh beendet. Auf Selvapiana am 10. Oktober, auf Felsina am 13. Oktober. Der Bucerchiale bestach durch eine schöne rubinrote Farbe, typisches Selvapianabouquet, war kraftvoll am Gaumen, lang im Abgang. Die Farbe des Fontalloro war tiefer, mit granatroten Reflexen, die Nase viel reifer, Lakritz, am Gaumen elegant, etwas flacher als der Rufina, etwas trocknende Tannine. Hier die Analysedaten: Alkohol Bucerchiale 14,19 / Fontalloro 13,84, Säure 6,55 / 6.10, Extrakt 33.10 / 28.28, Polyphenole 3050 / 2749. Der Fontalloro 2000 gefiel mir durch seine noch junge Farbe, einer typischen Tabaknase und Harmonie am Gaumen.
Zum Abschluss standen sich ein 2001 Fontalloro, der 2004 Chianti Rufina Bucerchiale und ein Fontalloro 2005 gegenüber. Der Fontalloro 2001 war für mich der lebendigste aller Weine. Die Farbe wirkte noch sehr jung, das Bouquet erinnerte an Brombeeren und Lakritz, am Gaumen noch sehr viel Tannin, noch nicht ganz harmonisch. Man spürte, dass der Wein noch nicht ganz „fertig“ war. Meine Notiz: in 10 Jahren wieder probieren!! Franco Bernabei verriet dann, dass dieser Wein die malolaktische Gärung nicht beendet hatte und man hatte ihm seinen Willen gelassen. Ein Wein mit Charakter!!! Den Bucerchiale 2004 bedachte ich wieder mit 5 Sternen: Schönes Rubinrot, komplexe Nase, Waldfrüchte, Wacholder, am Gaumen viel Kraft und Frucht.
2005 gab es am 9. April in der Toskana erhebliche Frostschäden; auch Felsina und Selvapiana blieben davon nicht verschont. Es folgte ein heißer Sommer. Der Fontalloro hat hohe Extrakt- und Polyphenolwerte und eine eher niedrige Säure: tiefes Rubin, untypischstes Bouquet, reife Brombeeren, weich, am Gaumen noch viel Tannin. 4 Sterne…
Es war ein interessanter Verkostungsabend, der mir neue Denkanstöße gegeben hat.Fortsetzung folgt….
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