von Eckhard Supp - Die drei Weinpräsentationen in der Zentraltoskana, bei denen aktuell wieder fast 200 Journalisten aus aller Welt Chianti Classico, Brunello di Montalcino und Vino Nobile di Montepulciano verkosten, waren für mich Gelegenheit zu äußerst spannenden Diskussionen, die sich um dieselben Themen drehten, die ich vor etwa 10 Tagen in einem großen Interview mit Piero Antinori anschneiden konnte - das Interview erscheint in einigen Tagen in unserer Rubrik "Analyse".
Am meisten schockiert hat mich dabei ein Gespräch mit meiner japanischen Kollegin und Freundin Megumi Nishida, mit der ich schon viele Verkostungen im Piemont und auch im Burgund bestritten habe. Sie erzählte mir, dies sei ihre erste Reise in die Toskana (erstaunlich genug, denn sie ist sehr häufig in Italien) und sie habe in Montalcino 14 Betriebe besucht. Ihr Resumee: "Ich habe 14 völlig verschiedene Weine verkostet und am Ende überhaupt nicht mehr verstanden, was ein Brunello sein soll. In meinen Gesprächen habe ich 14 verschiedene Geschichten gehört, und jede einzelne von ihnen wurde beim nächsten Besuch dementiert bzw. als grober Unsinn deklariert."
Nun mag man denken, dies sei doch ganz das Italien, das wir so schätzen. Chaotisch aber liebenswürdig und liebenswert. Dabei wird allerdings oft vergessen, dass das "Liebenswürdige" leider immer öfter nur Fassade für Ausländer ist - hinter dem Vorhang dreschen die Winzer aufeinander ein, als stünden sie im Ring, Anschwärzen beim Staatsanwalt inklusive - und dass das "Liebenswerte" leider beim Verkaufen der Weine nicht mehr sonderlich hilft - das war einmal anders, aber die Zeiten ändern sich eben.
Das Resultat: Preise, die seit zwei drei Jahren immer tiefer in den Keller gepurzelt sind (darüber habe ich bereits im März letzten Jahres berichtet - s. hier), zahlreiche Betriebe, die nach der Einschätzung ihrer Banken vor dem Bankrott stehen und verunsicherte Erzeuger und Weinbauverbände, die kaum noch wissen, was sie unternehmen sollen, um diese Tendenz umzukehren, und sich im besten Falle in heillosem Aktionismus oder in triumphalistischen Gesten und Kommuniques verlieren.
Was der Toskana, wenn nicht ganz Italien fehlt, sind zwei Dinge, die einander bedingen: Erstens ein befriedigendes Niveau der Exportpreise (der Durchschnittspreis französischer Exportweine ist etwa 2,5 Mal so hoch wie der italienischer) und - als Voraussetzung dafür - eine klare Identität, ein klares Gesicht der Weine, von dem allerdings keine Rede sein kann. So mag es vielleicht nur 14 verschiedene Brunellotypen geben, beim Chianti Classico sind es mit Sicherheit 50 oder mehr. Auf die Frage "Was ist ein Chianti Classico?" erhält man heute gut und gerne jede beliebige Zahl unterschiedlicher Antworten, und da haben wir noch gar nicht über den Unterschied zwischen Chianti Classico, Chianti Putto, Chianti Colli Senesi, Chianti Rufina etc. gesprochen, der 99,9 % der Konsumenten außerhalb (wahrscheinlich auch innerhalb) Italiens schlicht ein Mysterium ist.
Man denke nur an den Aberwitz, dass eine der wichtigsten Weinbauregionen Europas ihre besten Weine immer noch nicht unter der Prestige-Appellation (DOCG) vermarktet, sondern als formal "minderwertigen" Landwein. Man denke an die viel zu rigiden Produktionsvorschriften, die es einem Erzeuger von Chianti Classico nicht mal etwas anderes erlauben als seine Weine mit Naturkork zu ruinieren. Man denke an die Tatsache, dass in Montalcino dieselben Erzeuger, die mehrfach für eine Ausweitung des Anbaugebiets für Brunello auch auf Weinbergsflächen, auf denen Sangiovese kaum reif werden kann, gestimmt haben, dann aber hartnäckig an der Produktionsvorschrift festhalten, dass derselbe Brunello zu 100 Prozent aus Sangiovese zu keltern sei. Und die, kaum haben sie für diese 100-Prozent-Vorschrift gestimmt, einen Weinmacher (Ezio Rivella) zum Präsidenten ihres Konsortiums wählen, der wohl mehr als jeder andere in seiner aktiven Zeit (Villa Banfi) die Merlotisierung des Brunello mit vorangetrieben und sogar noch vor seiner Wahl erklärt hat, 80 Prozent des Brunello werde ohnehin zu einem gewissen Prozentsatz mit nicht erlaubten Sorten (Merlot, Cabernet, Nero d'Avola und was auch immer) erzeugt.
Es ist ein einziges Panoptikum, das sich dem Betrachter derzeit in der Toskana präsentiert. Ein Panoptikum mit guten Weinen, das steht fest, und das werden wir auch - ebenfalls in wenigen Tagen - in unserem großen Verkostungsreport wieder zeigen. Aber ein Panoptikum, von dem man sich schwer tut, zu glauben, es könne noch einmal eine so glorreiche Zukunft wie in den 1980er- und beginnenden 1990er-Jahren haben.
Kommentare
Rivella wurde meines Wissens
Rivella wurde meines Wissens gewählt, kurz nachdem der Banfi Brunello deklassiert wurde. Italiener halt ;-)
Das mit dem Deklassieren
Das mit dem Deklassieren bedeutete allerdings beim Brunellogate nicht automatisch, dass die Weine tatsächlich was anderes als Sangiovese enthielten, denn einige Winzer (ich nenne mal keine Namen, bin mir aber ziemlich sicher, dass ihre Angaben zuverlässig sind) haben das Deklassieren eines Teils der 2003er-Menge (um die ging es) aus rein wirtschaftlichen, opportunistischen Gründen akzeptiert.
Der Deal mit der Staatsanwaltschaft ging dannn meist nach dem Motto: "Wir deklassieren die Hälfte und du gibst Ruhe!" Und das geschah dann auch bei Weinen, die NACH erfolgter Analyse erwiesenermaßen nur Sangiovese enthielten. Wirtschaftlich gesehen war das sicher auch sinnvoll.
Für kleine Winzer wie für große Unternehmen war es allemal erträglicher, nur die Hälfte als Brunello verkaufen zu können und die andere Hälfte eben als Igt (billiger), als die gesamte Erntemenge auf Jahre (Prozesse in Italien laufen manchmal auch Jahrzehnte) blockiert zu sehen. Dass dabei in der Öffentlichkeit natürlich der Eindruck entstehen musste, Betriebe, die deklassierten, hätten tatsächlich Dreck am Stecken, ist die Kehrseite, war aber vielleicht das kleinere Übel.
Herr Liberatore erklärte vor
Herr Liberatore erklärte vor einigen Jahren erstaunten deutschen Weinhändlern bei einem Besuch im Consorzio, das Chianti-Disziplinar mit der Öffnung für Cabernet, Merlot & Co sei ein großer Fortschritt, denn es erlaube jetzt auch 100% Sangiovese Weine unter Chianti zu vermarkten - damit werde das Produkt typischer.
Die Kollegen glaubten nicht verstanden zu haben und fragten noch einmal nach - "das können nur Italiener verstehen" hieß es nachher. Jetzt haben wir das Ergebnis!
Gute Story! Das passiert
Gute Story! Das passiert eben, wenn man Politiker zu Weinbaufunktionären macht. Ist aber wohl kein ausschließlich italienisches Phänomen. Aber: Der große Irrtum, der bei der Typen-Diskussion in Italien oft gemacht wird, ist der, Sorten immer gleich Terrroir und Ausdruck zu setzen. Wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass die unbestritten besten Weine der Toskana AUCH aus französischen Sorten gemacht werden, dann wäre es vielleicht sinnvoller, diesen Weinen auch den Status der renommiertesten Herkunftsbezeichnung zuzuerkennen. Alles andere können immer nur Hilfslösungen sein, die über kurz oder lang zu gravierenden Problemen führen. Wer sagt denn, dass Sangiovese wirklich in allen Gegebenheiten (Boden, Klima, etc. etc.) den klarsten Terroircharakter haben muss. Vielleicht sind das ja öfter als einem lieb ist auch Malvasia nera, Colorino, Ciliegiolo, Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah oder was weiß ich. Tatsache ist jedenfalls, dass der (reinsortige) Rotwein aus Sangiovese absolut KEINE Tradition darstellt. Die Tradition in der Toscana, das waren Weißweine und dünne, oft perlende Rote.
Ach ja, hab noch 'ne gute
Ach ja, hab noch 'ne gute Story. Die Tatsache, dass den Journalisten auf der diesjährigen Chianti-Classico-Präsentation der zweite "sitzende" Verkostungstag gestrichen wurde, hat Consorzio-Präsident Marco Pallanti (Castello di Ama, übrigens ein "Hüter der Tradition", der auch 10 - 20 % Merlot in seinen Chianti schüttet) vorgestern damit begründet, man wolle die Journalisten dazu motivieren, an den Ständen der Erzeuger "das Territorium kennenzulernen". Wohlgemerkt, an Ständen in einer alten Bahnhofshalle, die zu allem Überfluss noch mit PR-Mädels und Exportmanagern besetzt waren. Man kann eben, das haben wir gelernt, "Leck mich .." auch sehr höflich und diplomatisch ausdrücken.
Während ich so weiter
Während ich so weiter verkoste (ein paar tolle Weine dabei) überlege ich, was am Sangiovese heutzutage noch so traditionell ist. Tatsache ist, dass im Zuge der extrem intensiven klonalen Selektionen der 1990er-Jahre auch diese Sorte sehr auf "international" getrimmt worden ist: dichte Farbe, Beerenaromen, weichere Tannine, weniger Säure etc. Das ist zwar angesichts des Konsumentenverhaltens der Märkte (vor allem USA, die heute wie früher so etwas wie der Modellmarkt für die Toskanaer sind) verständlich, aber es hat nicht unbedingt zur Festigung eines eigenständigen Charakters der Weine beigetragen.
Traditionell sind auch die
Traditionell sind auch die Barriques, die dem Wein die Ecken und Kanten abschleifen - so verkaufen uns das die flinken Funktionäre. Trotzdem: Hut ab - die Chianti-Leute haben bisher immer noch jede Kurve gekriegt. Von der Chianti Formel des Barone Ricasoli über Barrique und Rosso Toscano bis zu 15% Syrah. Wein-Marketing at it's best! Und das alles unbeschadet überstanden - dafür bewundere ich sie.
Dass die Italiener sich immer
Dass die Italiener sich immer aus jedem Schlamassel befreit haben, ist auch das Standardargument derjenigen Gesprächspartner hier in der Toskana, die die Fakten nicht mehr leugnen können oder mögen. Aber diesmal hätte ich da meine Zweifel. Wer seine Preise erst mal zugunsten der Volumina so ruiniert hat wie Brunello, Chianti und Co., der kommt aus dieser Falle schlecht wieder raus. Siehe Australien. Und selbst wenn er wieder rauskommt, dann nur mit gigantischen Kosten. Tatsache ist, den Erzeugern hier geht die Muffe. Den Funktionären natürlich nicht, denn die glauben in Italien sowieso immer und immer schon, für sie gälte die päpstliche Unfehlbarkeit und Unberührbarkeit. Wie sagte Franz, der Kaiser? "Schau'mer mol!"
I do not read german, but I
I do not read german, but I do know how to produce high quality wines full of character and personality. I represent a team of people that work at Col d'Orcia and produce wine passionately, in some cases have being doing so for more than 35 years.
Any german visitor that comes to see me will have a free tasting of my Brunello di Montalcino and will be able to find out that I produce true, traditional wines.
http://www.coldorcia.it/ENG/set_dovesiamo_en.html
Sincerely
Francesco Marone Cinzano
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