
Bevor ich es schaffte, mir eine echte, papierne Kopie zu besorgen, versuchte ich mein Glück schon mal im Internet. Als E-Paper und als Pdf zum Download stand das neue Heft dort zur Verfügung, aber während das Lesen des E-Papers bereits sehr mühsam war (selbst das Blättern klappte auf meinem Bildschirm nicht immer), war es sowohl am Bildschirm als auch im Ausdruck vollkommen unmöglich, das Pdf überhaupt zu lesen. Die niedrige Auflösung ließ sämtliche Schriften nur zu einem grauen Flickenteppich verschwimmen. Allenfalls die Bilder konnte man betrachten.
Aber es wäre müßig, sich an dieser Stelle über handwerkliche Schwächen des Hefts und des neuen "deutschen" Online-Auftritts beschweren zu wollen. Auch wenn ich fand, dass die Überschriften mit ihren teilweise haarfeinen Aufstrichen und die winzigen Buchstaben in einigen Textteilen das Lesen des Hefts ebenfalls nicht unbedingt erleichterten. Statt dessen versuchte ich erst einmal, herauszufinden, ob denn die vollmundige Ankündigung einer "eigenständigen deutschen Ausgabe" wirklich eingelöst war.
Auf dem Titel zunächst nur wenige Unterschiede: Statt der Story über burgenländische Weißweine (Ö-Ausgabe), in der hiesigen Ausgabe eine über deutsche Rieslinge, die allerdings im Innern der österreichischen Ausgabe durchaus auch zu finden war, was für die Burgenlandgeschichte umgekehrt nicht galt. Die Dom-Pérignon-Geschichte der deutschen fehlte dagegen in der österreichischen Ausgabe, aber vielleicht wurde die dort ja schon früher veröffentlicht ... bzw. wird es noch zu einem späteren Zeitpunkt. Auch im restlichen Heft eher marginale Unterschiede, sieht man einmal davon ab, dass die deutsche Ausgabe nur 181, die österreichische dagegen 238 Seiten stark war.

Wenn ich ehrlich bin, war diese Dom-Pérignon-Geschichte dann auch die einzige, die mir wirklich gefiel, die originell und gut geschrieben war. Der Rest? Ein Bericht über die deutschen Großen Gewächse 2009, der 1:1 aus Vinum oder dem verblichenen Wein-Gourmet hätte stammen können, ein Portrait des Neuwinzers Günther Jauch, das ziemlich oberflächlich und dünn blieb ... da war die Bild-Zeitung nicht deutlich schlechter. Eine Südtirol-Geschichte, die ich bereits gefühlte 379 Mal gelesen haben, ein noch flacherer Wien-Artikel (wenigstens behaupten die Ösis jetzt nicht mehr, die einzige Hauptstadt der Welt mit Weinbau zu sein, ein echter Fortschritt!), ein ziemlich widersprüchlicher Artikel über Wein-Investments ("Preissteigerungen dieser Dimension ... allerdings fast nur mit den Premiers Crus zu erzielen" oder "Nicht selten bieten die vierzehn Deuxième Crus ... ähnliche oder sogar bessere Renditen"???), und eine Trüffel-Reportage vom Stil "déjà vu"!
Dass René Gabriel ganz originell empfiehlt, den Inhalt angebrochener Flaschen in (sterile?!) kleine PET-Flaschen umzufüllen, damit er sich länger hält - wir haben auch alle ein kleines PET-Flaschenlager zu Hause -, ist unter dem vielen 08/15-Geschichten fast noch ein Lichtblick, bei Heinz Hormann notieren wir erhebliche Schwierigkeiten mit der Geographie ("In der ... Diaspora zwischen Bremen/Hannover und Bielefeld leuchtet heute ein Glanzlicht, das Ritz Carlton in Wolfsburg" - ich hab jetzt 'ne geschlagene halbe Stunde zwischen Bremen, Hannover und Bielefeld nach 'nem Wolfsburg gesucht, das ich noch nicht kenne!), und der Gourmet Guide ist um keinen Deut besser als der anderer Zeitschriften. Dass am Ende noch völlig überflüssig 18 Seiten mit Verkostungslisten vollgepackt werden, anstatt einfach auf die entsprechenden Internetarchive zu verweisen, macht den Eindruck komplett, dass das deutsche Falstaff an galoppierender Konzeptionslosigkeit (ich rede von neuen (!) Konzepten) leidet. Wo ist die Originalität einer Effilee, wo die Exklusivität eines Feinschmeckers - von der man halten kann, was man will, aber sie ist wirklich eine Art Alleinstellungsmerkmal.
Alles halb so schlimm, würden mir die Falstaff-Macher jetzt vielleicht antworten, so lese ich es jedenfalls bei Michael Pleitgen, denn das erste Heft könne man schlicht vergessen. Das zweite werde komplett anders ausfallen. Soll das heißen, dass ich mir heute eine Art Falstaff-Beta gekauft habe? Und dass die Falstaff-Macher in den kommenden zwei Monaten all das schaffen wollen, was sie - nach offenbar eigenem Eingeständnis? - in den letzten sechs nicht geschafft haben?
Vielleicht rächt es sich ja schon jetzt, dass Kollege Mahr zwar ein ausgewiesener TV-Mann, ein erfahrender Medien- und vielleicht sogar Zeitungs-, aber nicht unbedingt Special-Interest-Blattmacher ist. Der Shakespeare-Verdi'sche Falstaff landete bei seinem Doppelspiel und seinem Versuch, die Frauen auszutricksen, unfreiwillig im kalten Wasser der Themse. Hoffentlich passiert das nicht auch der Rosam'schen Mannschaft. "Tutto il mondo è burla, l'uom è nato burlone." Die Welt ein Narrenhaus? Der Mensch als Clown geboren? Ende, Vorhang, Oper aus!
Kommentare
"In vili veste, nemo
"In vili veste, nemo tractatur honeste" -
schlecht gekleidet wird niemand gut behandelt.
Die Kleidung ist stimmig, das Bad im kalten Wasser findet nur eher in Rhein, Mosel, Nahe etc. statt und da muß ein Verleger heute schon den Neoprenanzug kleiden.
So es denn eine Beta-Ausgabe für den deutschen Markt war, ist sie zumindest nicht auf Kante genäht.
Den Maßanzug konnte man doch auch nicht erwarten, denn dafür zwickst den Käufer viel zu oft an Stellen, die nicht mal mittels Patchwork abzudecken wären und das - mit Verlaub - wirkt dann nur wie KLeiderkammer.
Wir sind gastfreundlich in Deutschland und wir geben jedem gerne eine Chance - nur für Garderobe übernehmen wir keine Haftung.
Wenn ich das gleiche
Wenn ich das gleiche Mineralwasser einmal aus einer Glasflasche und daneben aus einer PET-Flasche trinke, schmecken beide Proben unterschiedlich. PET ist, egal, was uns die Industrie hier einzutrichtern versucht, keineswegs geschmacksneutral. Die Empfehlung, Wein von Glas- in PET-Flaschen umzufüllen, ist daher in meinen Augen völlig absurd und wirft ein Schlaglicht auf einen Weinverkoster, der seinen Lesern so etwas empfiehlt.
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