Von Eckhard Supp – „Stammtisch“ oder „Marktplatz“ oder „Waschsalon“ hat der eine oder andere Kritiker die neuen Formen des sozialen Nachrichten- und Meinungsaustauschs („social media“) im Internet genannt, und so ganz falsch lag er damit auch nicht, wenn man es etwas genauer ohne den polemischen Unterton betrachtet. Denn diese traditionellen Klatschbörsen hatten eine Eigenschaft, die kluge Analytiker jetzt auch am Web diagnostizieren: Kommunikation spielte sich an, auf und in ihnen nämlich nicht nach dem Broadcastingmodell der klassischen Medien ab, als „one-to-many“-Kommunikation, sondern in Form des „many-to-many“. Nicht mehr nur ein kluger, gut recherchierender Kopf oder eine einzige Redaktion „sprechen“ zu ihren vielen Tausenden oder Millionen Lesern, Zuschauern, Usern, sondern alle sprechen mit allen – der Journalist mit den Usern, diese unter- oder auch durcheinander und dann wieder mit ihm – und tauschen Informationen, Meinungen, Quellen, Dokumente aus.
Das „many-to-many“ fügt der journalistischen Arbeit eine neue Komponente hinzu, eröffnet ihr neue Chancen, stellt aber auch eine Herausforderung an sie dar. Das permanente Feedback, das die neuen Netzwerke mit ihren Tools potenziell generieren, führt dazu (sollte dazu führen!), dass der (Web)Journalist nicht mehr nur in einem quasi singulären Akt berichtet, was er andernorts erfahren hat – sei es aus Nachrichtenagenturen, durch persönliche Recherche, durch Zuarbeit von Kollegen –, sondern dass das Zuhören und Mitlesen zum integralen Bestandteil seiner Kommunikation selbst werden. Aus dem Broadcastingmodell ist ein stark dialoglastiges Modell geworden.
Solche Feedbacks können seinen eigenen Recherchen wichtige Aspekte hinzufügen, können auf Fehler aufmerksam machen (das allerdings hat der eine oder andere wohl doch nicht so gerne), können Recherchen über ihren ursprünglichen Horizont hinaus erweitern – Recherche und Darstellung verschmelzen dabei zu einem Kontinuum, vorausgesetzt natürlich, der Journalist akzeptiert diese Veränderung seiner Sicht- und Arbeitsweise, baut die neue Art der „many-to-many“-Kommunikation gewinnbringend in die eigene journalistische Arbeit ein.![]()
Zu glauben jedoch, wie es immer wieder gerne postuliert wird, die neue „many-to-many“-Kommunikation werde schon in absehbarer Zeit das „one-to-many“ verdrängen oder ersetzen, dürfte sich aber dann doch als ziemlich luftige Träumerei entpuppen. Denn das „many-to-many“ leidet unter dem selben strukturellen Problem, das ich bereits in Teil 3 bei der Diskussion der Schwächen von Wikipedia angedeutet habe: Je mehr Teilnehmer auf dem „Marktplatz“ oder am „Stammtisch“, je weiter „entfernt“, d. h. weniger bekannt sie dem Einzelnen sind, desto weniger sind ihre Interventionen im Netzwerk transparent. Wer ist der „friend“, der „follower“ wirklich? Was weiß er, ist er vertrauenswürdig? Solche Zweifel spielen vielleicht kurzfristig, unter dem Eindruck des Faszinosums „Web-Gemeinde“ keine Rolle. Das Dazugehören übertönt sie. Aber ob der Vertrauensvorschuss, der notwendigerweise am Anfang jeder Teilnahme am „sozialen Web“ steht, auch nachhaltig ist, ob er auch Krisen überlebt, wage ich zu bezweifeln. Meine Erfahrungen auf Facebook, Xing oder Twitter haben diese Zweifel in den letzten Monaten bestärkt.
Auch die mathematischen Modelle (Metcalfe’sches und Reed’sches Gesetz), die zum Nachweis der enormen Leistungsfähigkeit solcher Netzwerke gerne herangezogen werden, lösen diese Zweifel nicht auf. Der Nutzen, den sie nachweisen, ist wohl ein Nutzen für das Netzwerk, aber nicht zwangsläufig auch einer für den individuellen Teilnehmer an ihm. Es ist wie bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wenn die Gefahr, bei einem Flugzeugabsturz umzukommen, bei 1:10 Millionen liegt (dieses Verhältnis habe ich jetzt mal erfunden), dann ist dies für die Betrachtung der gesamten Menschheit (des gesamten Netzwerks) von Bedeutung. Für den Einzelnen aber mitnichten. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, anzunehmen, nach einem Flugzeugabsturz müssten erst mal wieder 10 Millionen Menschen in einen Flieger steigen, bevor man selbst in Gefahr gerät. In Wahrheit beginnt die „Zählung“ der Wahrscheinlichkeit bei jedem Flug, den jeder Einzelne antritt, aufs Neue, quasi bei Null. Und ob dann der erste oder der Zehnmillionste Passagier umkommt, vermag auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht zu prognostizieren.
Erneut – wie schon beim Thema Aktualität und Schnelligkeit – entpuppt sich eine der starken Seiten des Internets als ein Element, das letztlich nur zwei Gruppen von Menschen zu Gute kommt: Denen, die ihre Netzwerke – seien sie beruflicher oder privater Natur – ausschließlich oder vorwiegend mit Menschen bilden, die sie bereits persönlich, aus anderen Zusammenhängen kennen, und denen, die diese Netzwerke beruflich nutzen, darunter die Journalisten.
Synergien zwischen Print und Web
Das „many-to-many“ wird den klassischen Journalismus also nicht ersetzen, sondern ihm zuarbeiten, ihn bereichern. Und wie es scheint, haben das auch die Leser inzwischen verstanden. Selbst in den USA, dem Land des grausamsten Zeitungsmassakers der letzten Jahrzehnte, beziehen die Menschen ihre Nachrichten und Informationen noch immer hauptsächlich aus den traditionellen Medien, wie man erst kürzlich hier nachlesen konnte. Noch immer setzen Zeitungen die Themen – die dann auch im Web aufgegriffen werden – (s. hier), und so ist der Londoner Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé wohl auch nicht ganz zu Unrecht der Meinung: „Seriöse Information hat Zukunft!“.
Was ich in Teil 2 über die Schwächen und Stärken der Printmedien gesagt habe, gilt dabei im Prinzip auch für den Journalismus im Web. Er muss seine Arbeit so strukturieren, dass er die Stärken des Internets nutzt, darf den Bildschirm nicht nur als Zeitungs- oder TV-Ersatz benutzen. Er muss, die Schnelligkeit, die Vielseitigkeit (Text, Ton, Bild, Video) des Webs beherrschen, er muss die „many-to-many“-Kommunikation Ernst nehmen, er muss seine „Marke“ richtig definieren und dafür sein Zielpublikum kennen. Sein Content muss lokaler, investigativer, dokumentierter werden. Das 57. immergleiche Newsportal, die 174. Sammlung von Rezepten, der 83. Reise- oder Medienblog dagegen werden schon nach kurzer Zeit niemanden mehr interessieren.
Und natürlich muss er – das gilt natürlich vor allem für Redaktionen, die offline und online vertreten sind – die möglichen Synergien mit den Printmedien nutzen. Warum nicht, wenn im Print ein längerer Wirtschaftsartikel stand, im Web die Dokumente dazu aufarbeiten und anbieten. Warum nicht im Web einen kurzen Artikel mit dem Hinweis beenden, dass die Printausgabe eine lange, zum Schmökern geeignete und wunderschön bebilderte Geschichte bringen wird. Um diese Synergie herstellen zu können, müssten allerdings beide (!) Seiten ihre jeweiligen Vorbehalte gegenüber dem andern erst einmal über Bord werfen, ihre Scheuklappen ablegen, sich gegenseitig stärken statt zu schwächen. [...]
Kommentare
Ich wage zwei
Ich wage zwei Widersprüche:
1.) Auch im Internet lassen sich lange Lesegeschichten und schöne Bildstrecken erfolgreich veröffentlichen. Siehe bei mir: die Strecke über den Weinhändler Kurt Rislavy in Brüssel.
2) Print verschwindet. Doch Print bleibt am Leben. Und zwar so:
http://www.bonnier.com/en/content/digital-magazines-bonnier-mag-prototype
@captaincork Sehe das gar
@captaincork
Sehe das gar nicht so absolut als Widersprüche. Für Publikationen, die kein Print-Pendant haben wie unsere beiden, sieht das Ganze eh etwas anders aus. Dass Print verschwindet glaube ich eh nicht. Hab ich mich da missverständlich ausgedrückt?
Nee, aber ich glaube doch,
Nee, aber ich glaube doch, dass Print stärker verschwinden wird. Wenn solche Devices wie das von Bonnier das Licht der Welt erblicken, wird es für das Gedruckte schwer.
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