Von Eckhard Supp – Im ersten Teil meiner Betrachtungen hatte ich die These aufgestellt, das Internet sei kein neues Medium „sui generis“. Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht doch eine Reihe innovativer Elemente in die Medienlandschaft eingeführt hätte, die diese in einigen Aspekten radikal verwandelt haben. Auch wenn das Web nur die bereits existierenden Medientypen aufgenommen und auf einer Plattform zusammengeführt hat, ist es doch weit mehr als nur deren verdünnte, substanzlose Kopie.
Was dieses Neue ist, möchte ich in diesem dritten Artikel herauszuarbeiten versuchen, ohne dabei in die ideologischen Fallen so manches Internet-Aktivisten zu fallen, dessen gnadenlose Selbstüberschätzung den unbefangenen Beobachter glauben machen könnte, er hielte sich für die Verkörperung des „neuen Menschen“, von dem die Utopisten aller Zeiten träumten und noch träumen. Statt vom neuen Generationenkampf zu schwärmen und die kritische Betrachtung durch Lagerdenken („Liebe Web-2.0-Gemeinde“, heißt es da gerne einmal in der Anrede) zu ersetzen, will ich die neuen Features des Webs einer insgesamt kritischen Betrachtung unterziehen. Nur so erscheint es mir möglich, eine qualitative Einschätzung und eine Prognose zur Nachhaltigkeit dieser neuen Medienelemente abzugeben.
Was also hat das Web wirklich neu entwickelt, wo liegen seine Stärken im Vergleich mit den klassischen journalistischen Medien, wo verändert es sie und stellt sie in Frage?
Eine der unbestreitbaren Leistungen des Webs auf journalistischem Gebiet ist die Schnelligkeit und Aktualität der Nachrichtenübermittlung. Gegenüber Printmedien – ganz gleich, ob es sich um Tageszeitungen oder Zeitschriften handelt – lag dieser Vorteil schon lange auf der Hand; mit Instrumenten wie Twitter wurde er sogar gegen den bisherigen Schnelligkeits-Champions, Radio und Fernsehen, manifest. Legendär die Berichterstattung aus Bombay, als Amateure bereits die ersten Nachrichten und Bilder von den Angriffen auf zwei Hotels übermittelten, als die Nachrichtenagenturen noch nicht einmal von ihnen wussten.
Professionell dargebotene Aktualität hat zweifelsohne das Potenzial Leser bzw. Zuschauer/-hörer von den klassischen Medien abzuziehen. Wer sich jederzeit per Webbrowser über die Aktualität in aller Welt informieren kann, den wird die traditionelle (abendliche) Nachrichtensendung nur noch am Rande interessieren, von der Tageszeitung (am nächsten Morgen) ganz zu schweigen. Mit Aktualität können diese klassischen Medien nicht mehr punkten – ihr journalistischer Schwerpunkt muss sich, wie bereits im letzten Artikel gesagt, verlagern: Mehr Details, mehr Hintergründe, mehr Tiefe, mehr Reflexion!
Aber: Nicht alles, was das Internet kann, trifft auch auf wirklich nachhaltige Bedürfnisse. Mir jedenfalls hat noch niemand schlüssig erklären können, inwiefern es für mehr als nur eine kleine Minderheit von Internetusern relevant ist, ob sie um 9 Uhr morgens oder erst aus den Mittagsnachrichten erfahren, dass es in China ein Bergwerksunglück gab, dass ein Herr namens Köhler zum Bundespräsidenten gewählt wurde oder dass in Bangkok bewaffnete Terroristen Hotels angriffen. Dieses „Wissen in Echtzeit“ mag für den einen oder anderen kurzzeitig einen schönen Nervenkitzel bieten, aber die Schnelligkeit des Internets ist kein Wert an sich. Wer das nicht akzeptiert, vergisst, dass das Internet eben nicht nur die wenigen tausend Freaks sind, denen bei jedem Tweet ob der eigenen Fortschrittlichkeit ein heiliger Schauer über den Rücken läuft, sondern Millionen Menschen, bei denen solche Gefühle eher selten auftreten.![]()
Die gigantische Schnelligkeit des Webs interessiert auf Dauer wohl nur bestimmte Berufsgruppen – Journalisten, Börsenmakler, Politiker und noch einige mehr. Mehr noch: Sie kann sogar einer gewissen Hysterie Vorschub leisten wie der Kommunikationsprofi Peter Engel kürzlich auf handelsblatt.de zu Recht betonte. Ob die menschliche Psyche (und Physis) diesen Nervenkitzel und diese Hysterie überhaupt dauerhaft aushalten, sei hier einmal dahingestellt.
Deshalb: Wer im Internet erfolgreich und nachhaltig publizieren will, muss das gesamte Panorama seiner (nicht nur technischen) Möglichkeiten zwar kennen, aber gleichzeitig den Verlockungen der Technik auch einmal widerstehen können, sie sinnvoll einzusetzen wissen. Das wird noch mehr in Zukunft gelte, wenn die User mit Smartphones und ihren „Apps“ nicht mehr nur am heimischen Computer, sondern in jeder passenden oder unpassenden Situation zu erreichen sind. Übrigens geht die oben geschilderte Abneigung gegen das Internet ja zum Teil – und das sollte man auf keinen Fall verschweigen – auf Exzesse der „Technik-„ und „Webfreaks“ zurück, die sich aus dem „technischen“ Kommunikationsmittel Internet immer mal wieder eine Art ganz eigener Weltanschauung basteln. Das war schon mit dem „alten“ Web 1.0 der Fall und es gilt heute noch viel mehr.
Eine der wesentlichen (technischen) Voraussetzungen für den Erfolg des Internets war nicht nur die Tatsache, dass jedermann zumindest nach einigen Jahren mit recht geringem finanziellem Aufwand Zugang zu ihm erhielt, sondern dass es auch (fast) jedermann die Möglichkeit bot, ohne die enormen Kosten (v. a. Druck und Vertrieb) der klassischen Medien und auch fast ohne technische Kenntnisse (dank guter Web-Editoren) zu publizieren, was immer ihm in den Sinn kam. Jeder wurde jetzt zum Publizisten – die alte Unterscheidung zwischen Verleger und Journalisten war tendenziell aufgehoben. Zwar wusste zumindest am Anfang niemand so recht, ob seine Artikel überhaupt gelesen wurden, aber das war den meisten der Pioniere – auch mir als ich 1997 mit ENO WorldWine (www.enobooks.de) anfing – erst einmal egal.
Heute, in Zeiten von Blogs, von Twitter, Facebook oder Posterous, ist das Ganze noch mehr zu einem technischen Kinderspiel geworden, und auch die Kosten sind praktisch nicht mehr relevant – die aktuell viel diskutierten Tageschau-Apps für das I-phone sollen läppische 30.000 Euro gekostet haben, ein Betrag, für den man wahrscheinlich nicht einmal die TV-Ausgaben der Tagesschau für einen einzigen Tag produzieren kann – vorausgesetzt man bringt ein wenig guten Willen und viel Zeit mit, denn die ist auch und gerade beim Publizieren im Web notwendig. [...]
Kommentare
Ich bin platt. Ehrlich.
Ich bin platt. Ehrlich.
Vielen Dank für diesen
Vielen Dank für diesen Artikel. Unter den vielen angesprochenen Punkten möchte ich für all jene, die sich nicht die Zeit nehmen, mehr als 140 Zeichen zu lesen, folgendes zitieren: Das Wissen der Völker ohne eigene Schrift – kein Bestandteil des „gesamten Wissens der Menschheit“? Das Wissen all derer, die sich mit dem Internet schwer tun – kein Bestandteil des „gesamten Wissens der Menschheit“?
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