WorldWine Blog

09. Januar 2010

Das Internet und die Medien – 1. Teil: Presse, Weinpresse, beweinte Presse

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Von Eckhard Supp -  In den letzten Monaten ist auf diesem Blog und an anderer Stelle wiederholt über die Krise der deutschen Weinmedien geschrieben worden, eine Krise, die inzwischen – wie nicht nur von mir prognostiziert – zum Sterben des einen oder anderen Printtitels (z. B. Alles über Wein, Wein Gourmet) führte, während die anderen (Vinum, Selection, Weinwelt, Weinwisser etc.), betrachtet man ihre Auflagen, mehr schlecht als recht vor sich hin dümpeln. Michael Pleitgen hat vor kurzem auf seinem Blog ebenfalls eine Bestandsaufnahme versucht und festgestellt, dass auch in Großbritannien, dem Land der klassischen Weinpublizistik, viele Medien ihre Weinrubriken einstellen, ja selbst das renommierte amerikanische Wall Street Journal gerade aus Kostengründen seine Weinkolumne von Brecher/Gaiter abschaltet. Craig Camp hat auf seinem dem Wine Camp Blog den „Death of the Wine Magazine“ analysiert und das Bild, zu dem auch die Auseinandersetzungen bei renommierten Weinführern wie dem Gault Millau Deutschland oder dem italienischen Gambero Rosso zählt, weiter komplettiert.

Es ist verlockend, in dieser Entwicklung lediglich eine Krise der Weinmedien zu sehen und von ihr auf ein wachsendes Desinteresse an Infos zum Wein schlechthin, vielleicht auch auf ein gesättigtes Informationsbedürfnis zu Weinfragen zu schließen. Dass dies aber deutlich zu kurz gegriffen wäre, zeigen auf der einen Seite die steigenden Zugriffszahlen der immer zahlreicheren Onlinepublikationen zum Thema, auf der anderen die teils sehr heftigen und weit über die Weinpublizistik hinausreichenden Auseinandersetzungen um die Frage „paid or free content“, in der sich derzeit englische oder deutsche Verleger und Autoren, amerikanische Medienmogule und Blogger aller Hemisphären einen Wettlauf um die zynischste Analyse, den pessimistischsten Ausblick und die unverschämteste Kritik am Konkurrenten zu liefern scheinen.

Da darf Springer-Chef Döpfner schon mal über „Web-Kommunisten“ schimpfen, die es als selbstverständlich betrachteten, dass die Verlage ihren wertvollen journalistischen „content“ kostenlos abliefern müssten. Kein Wort natürlich darüber, dass es überhaupt erst die Großverlage waren, die das Publikum auf den Geschmack an solcher Art des Gratisservices brachten – von einem gewissen Herrn Rockefeller, der kostenlose Petroleumlampen an die Chinesen verteilen ließ, damit Sie sein Öl kaufen mussten, einmal ganz zu schweigen.

Web-Kommunisten und Geschichtsklitterer

Schon vergessen, Herr Döpfner, dass Sie und Ihre Kollegen es waren, die schon in den 1990er-Jahren mit kostenlosen Tageszeitungen Geld verdienen wollten, auch wenn diese hierzulande bei weitem nicht so gut liefen wie in den USA und aktuell sogar weltweit in der Krise zu stecken scheinen (s. hier)? Schon vergessen, dass es die privaten TV-Sender waren, an denen Sie und Ihre Kollegen nicht unbeträchtliche Anteile hielten und halten, die in Konkurrenz zu den per „Zwangsabgabe“ bezahlten Öffentlich-Rechtlichen das gnädige Publikum an kostenlosen TV-Konsum gewöhnten?
Fast ein wenig perfide wirkt es, wenn Verleger, die solcherart „free content“ einst in die Medienlandschaft einführten – ihr Geld wollten sie ausschließlich mit dem Werbegeschäft machen – jetzt klagen, sie müssten Ihre wertvollen journalistischen Leistungen kostenlos an „Web-Kommunisten“ abgeben, nur weil die Anzeigenakquise im Internet nicht die erhofften Ergebnisse bringt. Doch dazu später noch mehr!

Tatsache ist – und das ist der Hintergrund der heftigen Diskussionen –, dass die Medienlandschaft derzeit eine der tiefgreifendsten Änderungen der letzten Jahrzehnte erlebt. Noch wichtiger: Auch die Art dieser Veränderung ist neu! Bislang war es ja in der Regel so, dass ein neues Medium an die Seite der existierenden trat, mit ihnen konkurrierte und, nachdem man eine Weile Angst haben musste, ob es die „alten“ Medien verdrängen könnte, mit ihnen koexistierte. Das war der Fall, als das Radio an die Seite der Zeitungen trat, die es nicht verdrängen konnte. Das war auch so, als das Fernsehen hinzukam und es ebenfalls nicht schaffte, einen der beiden Mitbewerber aus dem Rennen zu werfen. Und jetzt? Das Internet? Zumal noch in seiner jüngsten Ausprägung, gern als Web 2.0 oder auch „Mitmachweb“ bezeichnet? Schafft es dieses „Web“, eines der klassischen Medien aus dem Markt zu drängen?

Glaubt man der Mehrzahl der Beobachter und Diskutanten, scheint diese Frage längst gelöst. Dabei fällt auf, dass sich die Auguren der großen Verlagshäuser und die Protagonisten des „neuen Mediums“ ungeachtet des Grabens, der sie nach eigener Analyse eigentlich trennen müsste, in ihren Prognosen merkwürdig einig sind. Das Web kann, wird, muss, so frohlocken die einen, während die Feststellung bei den anderen eher zum Klagegesang wird, zumindest der gedruckten Form der Nachrichtenverbreitung, den Zeitungen – vielleicht auch den Zeitschriften? – die Totenglocke läuten. Sinkende Auflagen – alleine in Deutschland haben die Tageszeitungen in den letzten Jahren eine Auflage von 5 Millionen Exemplaren verloren – sind ihnen Beweis genug!

Aber stimmt diese These, die da unisono aus beiden „Lagern“ vorgetragen wird, überhaupt? Ist, wie Jakob Augstein es kürzlich hier formulierte, wirklich mit dem Erfolg des Webs „das Geschäftsmodell des Printjournalimus“ hinfällig geworden?

Das Web – ein wirklich neues Medium?

Um die Frage beantworten zu können, möchte ich die Perspektive ein wenig verändern? Anstatt reflexartig das Auftauchen des Webs mit dem Erscheinen eines neuen journalistischen „Mediums“ oder „Medientyps“ gleichzusetzen, möchte ich erst einmal hinterfragen, ob mit dem Internet ein wirklich neuer Medien- oder Kommunikationstyp an die Seite der alten getreten ist. Das mag dem einen oder anderen wie eine Übung in Spitzfindigkeit erscheinen, es ermöglicht aber später noch an vielen Stellen eine klarere Sicht auf die Dinge.

Die „alten“, das waren zum einen die Printmedien, die ihren „content“ in Form von gedruckten Texten und (statischen) Bildern verbreitete, dann das Radio, das den Ton nutzte, und schließlich das Fernsehen (vorher schon das Kino und seine Wochenschau), das erstmals auch bewegte Bild ins eigene Heim übermittelte. Insgesamt gab es also bereits vor der „Erfindung“ des Internets vier Darstellungs- oder Contentarten (Text, statisches Bild, bewegtes Bild und Ton) und drei Darstellungs- oder Ausgabetechniken, d. h. Medien (Druck, Radio, Fernsehen), lässt man das Telefon einmal außen vor. [...]



Kommentare

Ich möchte noch die “neuen”

Ich möchte noch die “neuen” Zeitschriften Neon, Brand Eins und Landlust erwähnen, die aufgrund ihrer genauen Landung in einer von den Verlegern nicht vermuteten Leserschicht ungeheuer erfolgreich sind. Gleiches kann man auch im Netz umsetzen, man muss nur wissen, wer was braucht, welchen Leuten man Freund sein kann..

Dem Verlag ist Neon aber eher

Dem Verlag ist Neon aber eher zufällig passiert, es war ein Leinen los und ein Vertrauen in meinen Bekannten Michael Ebert (und Tim Klotzek), der vom Stern her (wo ich damals auch war) mit dem Gedanken vorstellig wurde, die jungen Leser von Jetzt (Süddeutsche) nach der Einstellung von Jetzt abzuholen. Das bestätigt meine Vermutung, dass ein Medium Leute abholen muss und ihnen eine Welt, letztlich ihre Welt, bauen muss. Ähnlich war es bei Brand-Eins, der Ösi-Ideologe Wolf Lotter kam vom Cash-Flow in Wien und wusste, es gibt jede Menge junge Wirtschaftsstudenten, die nicht immer Johannes Gross lesen wollen. Ohne Lotter hätte Fischer alt ausgesehen. Und Gleiches gitl für Landlust (mir erschließt sich das nicht): Das Gefühl zu glauben, die Leute am Land brauchen ihr eigenes Blatt. Nach all dem Urbanen. Und ähnlich, glaube ich, kann man es auch bei Wein und Genuss machen. Deutschland ist längst reif. Sowas wie Beef kann es nicht sein..

Agree..

Agree..

Ich möchte hier noch mal auf

Ich möchte hier noch mal auf eine superspannende Lektüre zur Zeitungskrise hinweisen: das neue Buch von Stephan Russ-Mohl: ”Kreative Zerstörung -Zum Niedergang und zur Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA”. Da werden die Mechanismen der Krise klar, man versteht warum welche Themen wie bearbeitet werden oder gleich verschwinden und warum auch das Internet für FAZ, Bild, Welt und Co kein Ausweg ist.

@Captain Cork Offenbar haben

@Captain Cork

Offenbar haben wir einen sehr ähnlichen Zeitschriftengeschmack! Und ja! Das sind drei weitere, exzellente Beispiele dafür, dass Printmedien eine Lebenschance haben, wenn sie gut gemacht sind.

Wer etwas anderes behauptet, redet Blödsinn.

Übrigens, noch eine Bemerkung zu Neon. Die Zeitschrift stammt aus dem Verlag Gruner & Jahr. Und trotzdem finde ich sie grandios! Dies für alle, die mir immer mal wieder unterstellen, ich würde mit meiner Kritik an anderen GuJ-Titeln nur persönliche Rachefeldzüge fahren.

“zufällig passiert” … Das

“zufällig passiert” … Das haben Sie aber jetzt gesagt :-) )) Ja, ich glaube, das große Problem der Verlage ist, dass sie keine verlegerisch denkenden Menschen mehr an ihrer Spitze haben, sondern nur noch Sanierer, Buchhalter, Controller.

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