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31. MĂ€rz 2011

Bordeaux-Primeurs: There's no business like ...

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von Eckhard Supp - Es ist eine der Ă€ltesten, noch existierenden Veranstaltungen der Weinwelt. Seit Anfang der 1970er-Jahre bereits laden Erzeuger und Negoce des Bordelais Jahr fĂŒr Jahr im FrĂŒhjahr HĂ€ndler und Journalisten ein, um den jeweils neuen Jahrgang zu verkosten. In zwei heftigen Attacken haben die britische Autorin Jancis Robinson und der französische Wein"papst" Michel Bettane jetzt das gesamte Prozedere der Primeurs in Frage gestellt.


Nein, ganz so bizzarr, wie die Szenerie an den Verpflegungsstationen des alljĂ€hrlichen Bordeaux-Marathons sind die Primeurverkostungen wohl nicht, aber das GedrĂ€ngel ist, glaubt man regelmĂ€ĂŸigen Teilnehmern, teilweise ebenso groß. (Foto: E. Supp)

Dabei ist die Kritik an den Primeurs nicht neu. Schon seit zwei Jahrzehnten wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, Weine zu verkosten und mit prĂ€zisen Einzelnoten zu bewerten, die noch im Fass liegen, teilweise noch nicht definitiv assembliert (verschnitten) und in der Regel in ihrer aromatischen und geschmacklichen Entwicklung noch völlig unfertig sind: Weine, die in Stil und QualitĂ€t mit dem endgĂŒltigen Produkt, das der Weinfreund spĂ€ter in der Flasche findet, nicht oder zumindest nicht vollstĂ€ndig ĂŒbereinstimmen.

Dennoch pilgern jedes Jahr Hunderte oder gar Tausende nach Bordeaux, drĂ€ngeln sich vor langen Tischen - oder genießen den Luxus eines separaten Empfangs durch die großen ChĂąteaux - und probieren, was das Zeug hĂ€lt. Und lehnen sich in ihren Bewertungen oft weit aus dem Fenster, indem sie sich auf den hundertstel Punkt genau festlegen, prĂ€zise Alterungspotenziale prognostizieren und damit großen Einfluss auf die (Primeur)Preise der Weine nehmen. Diese werden nĂ€mlich in der Regel erst Wochen nach dem Verkostungsspektakel festgelegt, dann also, wenn abgeschĂ€tzt werden kann, ob die internationale Öffentlichkeit den Jahrgang goutiert hat oder nicht.

Bettane: "Die Primeurs sind stupide!"

Auslöser der aktuellen Diskussion war ein offener Brief von Michel Bettane an die organisierende Union des Grands Crus, in dem er sich darĂŒber beschwerte, dass einige amerikanische und französische Weinkritiker bereits Wochen vor den offiziellen Primeurs die Weine exklusiv verkosten könnten und ihre Bewertungen schon veröffentlichten, wenn die Kollegen noch nicht einmal den ersten Schluck gemacht hĂ€tten. Damit greife die Union des Grands Crus aktiv in den Konkurrenzkampf der Publikationen um Leser und Auflagen- oder Zugriffszahlen ein - was absolut nicht ihre Rolle sein sollte. Nebeneffekt dieser verfĂ€lschten Wettbewerbsbedingungen ist, so Bettane, die Tatsache, dass die Zu-SpĂ€t-Gekommenen ihre Verkostungen, Kommentare und EinschĂ€tzungen in immer kĂŒrzerer, vielleicht sogar unzulĂ€ssig kurzer Zeit abliefern mĂŒssten, um nicht gĂ€nzlich ins Hintertreffen zu geraten, was der QualitĂ€t ihrer Arbeit nicht wirklich zutrĂ€glich sei.

Die Reaktion der kritisierten Union des Grands Crus war von nicht zu ĂŒberbietender Ignoranz und Arroganz. Sylvie Cazes (ChĂąteau Lynch Bage), die PrĂ€sidentin der Union, bĂŒgelte Bettane ab wie einen Schulbuben und erklĂ€rte auf Fragen von decanter.com, das Problem der privilegierten FrĂŒhverkostungen sei eh nur "marginal". Eine schallendere Ohrfeige fĂŒr einen der renommiertesten Weinjournalisten Europas - und fĂŒr unzĂ€hlige Kollegen, die ihre EindrĂŒcke erst dann veröffentlichen können, wenn drei oder vier Privilegierte lĂ€ngst ihre Leser informiert haben - kann man sich kaum vorstellen.

In einem Interview legte Bettane deshalb noch einmal nach: Er kritisiert, dass die Mitglieder der Union des Grands Crus ihre Weine nicht mehr in der allgemeinen Verkostung anstellten, von der frĂŒher praktizierten Blindverkostung ganz zu schweigen, sondern Presse und Handel lieber zu sich einlĂŒden, um jedes "Risiko" einer unerwĂŒnschten Beurteilung auszuschalten. Vor allem aber kritisiert Bettane, dass bei den Primeurs Urteile auf der Basis unfertiger Weine gefĂ€llt wĂŒrden, wobei erschwerend hinzukĂ€me, dass die prĂ€sentierten Fassproben teilweise erheblich voneinander abwichen: "Ich erinnere mich an eine Verkostung, wo an den verschiedenen Tischen nicht zwei identische Muster des gleichen Weins prĂ€sentiert wurden." Bettanes Schlussfolgerung: "Die Primeurs sind stupide!

Robinson: Journalisten sind Schachfiguren und Köder

Einen ganz anderen Aspekt hatte Jancis Robinson vor kurzem auf ihrer Internetseite aufgegriffen. Sie schrieb: "Einmal ganz abgesehen von der schwierigen, komplexen und Ă€ußerst wichtigen Frage nach der ValiditĂ€t der bei den Primeurs prĂ€sentierten Muster - wie nah sie dem endgĂŒltigen Wein kommen, der ja erst lange nach den Primeurs abgefĂŒllt wird - fĂŒhle ich mich zunehmend wie eine Schachfigur in einem Spiel, das darauf zielt, Ihnen so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen ... Wenn ich meine Primeurnotizen aus dem Burgund veröffentliche, stehen die Preise bereits fest, in Bordeaux werden sie erst Wochen, manchmal Monate nach der Verkostung festgesetzt ... Obwohl noch andere Faktoren bei der Preisbildung mitspielen, sind wir Kommentatoren lĂ€ngst zu einem Teil des Köders (fĂŒr die Verbraucher) geworden. Es ist ein Spiel, das Erzeuger, Makler, Negociants und nicht zuletzt die HĂ€ndler spielen, die unsere Bewertungen dazu benutzen, um Ihnen die Weine zu verkaufen."

James Suckling, der so heftig von Bettane kritisierte, fĂŒllte seine Rolle, die ihm die Herren von Bordeaux zugedacht hatten, ĂŒbrigens auch in diesem Jahr perfekt aus. Seine Bewertungen jedenfalls dĂŒrften nur schwer zu toppen sein. Selbst ohne einige der ganz großen Namen wie Lafite, PĂ©trus, Mouton, Ausone, AngĂ©lus etc. verkostet zu haben, regnete es bei ihm schon Spitzenbewertungen. 99-100, 98-99, 95-96 und immer so weiter. Und natĂŒrlich - das hat Jancis Robinson vorausgesehen - nutzen auch schon jede Menge WeinhĂ€ndler in aller Herren LĂ€nder Sucklings Noten, um fĂŒr die Jahrgang und ihre Subskriptionen zu werben.

Da werden wohl auch die Kollegen Kritiker, Parker allen voran, nicht knausern wollen oder können, und alles lĂ€uft schon jetzt darauf hinaus, dass das Bordelais bei seinen Spitzenpreisen wieder einmal krĂ€ftig an der Preisschraube dreht ... wĂ€hrend gleichzeitig mehr und mehr der kleinen, unbekannten ChĂąteaux der Pleite ins Auge sehen. Bis die Blase - wieder einmal - platzt, heißt es in Bordeaux munter: "There's No Business Like Show Business." Ach so, ja: Ich habe bei diesem Spektakel bisher nicht mitgemacht, trotz der edel aufgemachten Einladungen die mir Jahr fĂŒr Jahr ins Haus flattern, und werde das auch in Zukunft so halten.



Kommentare

Die UGCB spielt in der Tat

Die UGCB spielt in der Tat kein sauberes Spiel, jedoch auf hohem Niveau. Schade, dass bei den kleinen ChĂąteaux wenig QualitĂ€tsentwicklung stattfindet und die grossen HĂ€user in Europa immer weniger getrunken werden. Der Konsument kann immerhin auf tolle Werte aus Übersee, Spanien oder Italien ausweichen, Prost!

FĂŒr den Schweizer Weinmarkt

FĂŒr den Schweizer Weinmarkt sind die ganz grossen Chateaux eh nicht so interessant. Das Volumen wir dmit den kleinen gemacht, Preisklasse 20-35.-, und da sind die Primeurs-Verkostungen sehr praktisch, da man eine grosse Bandbreite vergleichen kann. Es geht ja hier nicht um's festlegen von genauen Urteilen, sondern um zu sehen, wo man, als HĂ€ndler, steht. Es gibt gute Veranstaltungen z.B. der Appellation St.-Emilion, wo ganz viele, ganz kleine Chateaux degustiert werden. Ein absolut nĂŒtzliches Tool! Die Bordeaux-Primeurs (der grossen Chateaux) hingegen sind ein grosser Zirkus. Je mehr Chinesen und Russen dort sind, desto höher wird der Preis sein.

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