WorldWine Blog

10. Dezember 2009

Antibiotika im Wein? Information als gezielte Desinformation

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Von Eckhard Supp - In den letzten Tagen wurde an verschiedener Stelle im Internet mehr oder weniger heftig darĂŒber diskutiert, dass einige Institutionen und noch mehr Medien die Öffentlichkeit mit der Alarmmeldung schockiert hatten, in Weinen aus Übersee – erst war es nur Argentinien, dann kam SĂŒdafrika dazu – sei das Antibiotikum Natamycin entdeckt worden; immer tunlichst ergĂ€nzt durch den Hinweis, dass dieses Antibiotikum natĂŒrlich (!) in europĂ€ischen (deutschen) Weinen noch nicht entdeckt worden sei.

Ich habe an verschiedener Stelle behauptet, dass es sich bei Natamycin nicht um ein Antibiotikum, sondern um ein Antimykotum (Pilzhemmer) handele, und zog mir dafĂŒr die mehr oder weniger hĂ€misch formulierte Replik zu, doch, Natamycin sei sehr wohl ein Antibiotikum, das hĂ€tten dieser Apotheker aus der Nachbarschaft und jener Vertreter der Pharmaindustrie einem höchstpersönlich bestĂ€tigt. Auch bei dieser Frage gilt natĂŒrlich, wie so oft: Frag zwei Apotheker (Wisschenschaftler, Experten) und Du bekommst drei Antworten (mindestens), eine Erfahrung, zu der auch Mario Scheuermann auf seinem Blog gerade Interessantes beitrĂ€gt (ich bin ja nicht der Einzige, der den Unterschied zwischen Antibiotika und Antimykotika betont). Fangen wir deshalb von ganz vorne an!

TatsĂ€chlich gibt es mindestens vier (oder sogar noch mehr?) Definitionen dessen, was ein Antibiotikum ist. Eine erste besagt, dass ein Antibiotikum ein Wirkstoff gegen Bakterien bzw. gegen bakterielle Infektionskrankheiten ist, die andere, dass es ein Wirkstoff gegen Mikroorganismen ganz allgemein ist. Beide Definitionen treten sich mit der Behauptung gegenĂŒber, wissenschaftlich zu sein, wĂ€hrend die jeweils andere, konkurrierende nur eine “gemeinsprachliche” Variante darstelle. Auf einer weiteren Definitionsebene unterscheidet man dann noch zwischen den Substanzen, die von den Mikroorganismen selbst erzeugt werden (Antibiotika), die also in der Natur vorkommen, und denjenigen, die vom Menschen synthetisch hergestellt werden (Chemotherapeutika), aber auch in diesem Punkt kann man vermutlich genauso viele Wissenschaftler finden, die glauben, dass diese Unterscheidung völlig gegenstandslos oder zumindest veraltet ist.

Nehmen wir einmal die erste Definition her: Nach ihr ist Natamycin wirklich kein Antibiotikum, sondern ein Antimykotikum, denn Pilze sind keine Bakterien und Bakterien sind keine Pilze. Ganz einfach und leicht nachzuvollziehen! Daran Àndert auch die gelegentlich stolz zitierte, wissenschaftlich klingende Begrifftsbestimmung, Natamycin sei ein Polyenantibiotikum, nichts, denn auch von der gibt es zwei Varianten die den oben skizzierten zwei Definitionen entsprechen: Natamycin wird in der Literatur tatsÀchlich abwechselnd als Polyenantibiotikum und (!) als Polyenantimykotikum bezeichnet. Verwirrung, Verwirrung!

Hielten wir uns statt dessen an die zweite Definition, dann gehörte tatsĂ€chlich eine Reihe sehr unterschiedlicher Stoffgruppen zu den Antibiotika: Die antibakteriell wirkenden Mittel der ersten Definition, zusĂ€tzlich noch Pilzhemmer (Antimykotika), Mittel gegen Protozoen (Antiprotozoika – Protozoen sind Einzeller mit Zellkern, im Unterschied zu den Bakterien) und sogar Mittel gegen Viren (Virostatika, wenn man – und auch hier gehen die wissenschaftlichen Definitionen wieder weit auseinander – Viren zu den Mikroorganismen zĂ€hlt).

Was fĂ€llt uns an dieser Liste auf? Dass fĂŒr die erste Untergruppe kein eigenstĂ€ndiger Name angegeben ist, und das ist kein Zufall, denn auch diejenigen, die den Begriff der Antibiotika sehr weit fassen (nach der zweiten Definition), landen sehr hĂ€ufig bei der Aussage, dass die antibakteriellen Antibiotika die eigentlichen (!) Antibiotika seien. Selbst ein Fachlexikon wie flexicon.doccheck.com, das zunĂ€chst Antibiotika als Wirkstoffe gegen Mikroorganismen ganz allgemein definiert (2. Definition), wird dort, wo die einzelnen Antibiotikatypen nach ihrer Wirkungsweise definiert werden, merkwĂŒrdig einsilbig. Ich zitiere:

3.2. 
nach Wirksamkeit
Bakteriostatische Antibiotika hemmen das Wachstum bzw. die Vermehrung von Bakterien, können den Erreger aber nicht abtöten.
Bakterizide Antibiotika hemmen nicht nur das Wachstum, sondern töten die Erreger ab. Hierbei werden wiederum primÀr bakterizide Antibiotika von sekundÀr bakteriziden Antibiotika unterschieden.
         PrimĂ€r bakterizide Antibiotika sind auch gegen nicht proliferierende Bakterien wirksam
         SekundĂ€r bakteriziden Antibiotika sind nur gegen proliferierende Bakterien wirksam

Und was fĂ€llt uns hier auf? Es ist immer nur von der Wirkung gegen Bakterien die Rede. Alle anderen Infektionsverursacher, Pilze, Viren, Protozoen etc. kommen hier gar nicht vor. Und damit sind wir auch in der ÜberprĂŒfung der zweiten Definition wieder bei der ersten gelandet: Antibiotika sind Mittel gegen bakterielle Infektionskrankheiten! Und Antimykotika Mittel gegen Pilzbefall, wie sie in den verschiedensten Bereichen (in der Humanmedizin, in der Holzwirtschaft etc.) Anwendung finden. Und Antimykotika sind keine Antibiotika!

Dass solche Antimykotika in Weinen entdeckt werden – wo sie nicht hingehören – kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht wurden Holzchips damit behandelt, vielleicht HolzfĂ€sser? Ich will hier gar nicht lange spekulieren, da das ohnehin zwecklos wĂ€re. Das ĂŒberlasse ich getrost den Weinkontrollbehörden der betroffenen LĂ€nder, die auch schon aktiv geworden sind. Bekannt ist nur, dass die entdeckten Mengen so gering waren, dass man beim Genuss der Weine keinerlei gesundheitliche SchĂ€den befĂŒrchten musste. HĂ€tte es sich wirklich um Antibiotika (im gebrĂ€uchlichen Sinne des Wortes) gehandelt, wĂ€re die Sache wohl bedenklicher gewesen.

Dieses wissenschaftliche Hickhack darf deshalb eines nicht verdecken: Die Wortwahl Antibiotika ist in diesem Zusammenhang nicht zufĂ€llig erfolgt, sondern liegt in einer Linie mit der seit Jahren von interessierten Kreisen geschĂŒrten Kampagne gegen Überseeweine. Überseewinzer sind, das wissen :-(   wir ja alle, RosĂ©panscher, sie benutzen kĂŒnstliche Aromen, Tannine, SĂ€uren und was noch alles 
 wĂ€hrend unsere braven europĂ€ischen (deutschen) Winzer ja nur rein (!) natĂŒrliche Produkte auf den Markt bringen. Und jetzt ist dieser Überseefusel auch noch mit Antibiotika verseucht! Skandal, Skandal!

“SĂŒdafrikanischer Wein mit Antibiotika entdeckt,” das klingt doch wirklich viel besser, aufregender, das macht viel mehr her, als die Meldung “SĂŒdafrikanischer Wein mit Antimykotika entdeckt”, und da wir alle wissen, wie hochgradig besetzt der Begriff Antibiotika bei uns ist, wie sehr wir alle Angst vor Antibiotikaresistenzen haben, können wir auch ermessen, wie viel mehr sich diese emotional besetzte Begriffswahl zur Stimmungsmache eignet.

Und deshalb, vor allem deshalb bin ich der Meinung, dass wir den Unterschied zwischen Antibiotika und Antimykotika immer klar und deutlich herausstellen sollten.



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