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WorldWine Editorial - 1 2

 

Prügel für die EU

Hätte mir vor einigen Jahren jemand prophezeit, ich würde einmal die EU und ihre Bürokraten verteidigen, ich hätte ihm wahrscheinlich nur einen Vogel gezeigt - natürlich nur gedanklich, versteht sich. Und doch passierte genau dies in den letzten Wochen gleich mehrfach: Ich musste die EU und ihr Regelwerk verteidigen! Worum es ging? Um die neuen Erlässe für Europas Weinbau, auf die sich die EU - natürlich nicht die Bürokraten, sondern der Ministerrat der 27 Mitgliedsstaaten - bereits im letzten Jahr einigten, und die im Prinzip in diesem Sommer in Kraft treten sollen, sofern denn alle notwendigen Durchführungsbestimmungen auch noch rechtzeitig verabschiedet werden und in Kraft treten.

Nun habe ich, insbesondere in meinem Bericht über den Blogger-Roundtable mit Lars Hoelgaard, dem ranghöchsten Wein-Beamten der EU, ja nicht gerade wenige kritische Punkte angesprochen, wie beispielsweise den eines Verbots der Absatzförderung auf dem europäischen Binnenmarkt, das in meinen Augen das Feld (den Markt) in sträflicher Weise den Konkurrenten der europäischen Weinbauern überlässt, und muss mir deshalb bestimmt nicht vorwerfen lassen, ich sei in unkritisch oder gar behördengläubig geworden.

Aber was ich in der letzten Zeit in den unterschiedlichsten Printmedien, Online-Foren oder bei Blogger-Kollegen über die neuen Maßnahmen und Gesetze lesen musste, was Weinbaufunktionäre (mit wenigen Ausnahmen) und desinformierte Weinfreunde mit Bezug auf das neue Regelwerk von sich gaben, war gelegentlich so falsch, demagogisch und schlichtweg volksverdummend, dass ich mich mehr oder weniger unfreiwillig in der Rolle eines Verteidigers bei diesem Spiel des generalisierten EU-Bashings, des undifferenzierten Einprügelns auf Brüssel und Straßburg, wiederfand.

Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einen Artikel, der bereits vor längerer Zeit auf Welt- online veröffentlicht wurde. Schon die Überschrift des Artikels war eine schlichte Unverschämtheit: "EU will deutsche Weinbaugebiete stilllegen", stand da zu lesen, und man muss sich gar nicht bei dem vollkommen überzogenen Ausdruck "stillegen" aufhalten, um hier die demagogische Stimmungsmache zu riechen. Tatsache ist, dass der Artikel keinen einzigen Beleg für auch nur einen (!) Hektar deutscher Rebfläche bringt, die von der EU "stillgelegt" werden soll, von ganzen Weinbaugebieten ganz zu schweigen. Wie der Artikel selbst ausführt, sollen "vor allem Tafelwein produzierende Betriebe ... mit großzügigen Hilfen zu einer Stillegung ihrer Rebflächen bewegt werden", und da, wir wir wissen, in Deutschland nur verschwindend kleine Fläche für die Erzeugung von Tafelwein vorgesehen sind, betrifft diese "Stillegung" eben nicht (!) oder doch zu allerletzt unsere deutschen Weinbaugebiete. Dem Autor kann man hier nur vorwerfen, dass er entweder den Zusammenhang der von ihm selbst referierten Fakten nicht kapiert oder aber bewusst gelogen hat.

Demagogie pur

Besonders bezeichnend ist der letzte Absatz des Artikels, den man wirklich genussvoll mehrfach zu sich führen sollte: "Besonders scharfe Kritik löste aber der Vorschlag einer strikteren Kontrolle der Sorten und des Verbots neuer Anbauflächen aus. Damit seien jahrhundertealte Traditionen des Weinbaus gefährdet, erklärten die Produzenten der berühmtesten europäischen Weine wie Chianti, Rioja, Chablis und Burgunder. Weinbauern in kühleren Klimazonen wie Österreich und Luxemburg trifft besonders das geplante Verbot, den Alkoholgehalt ihrer Weine durch Zucker anzureichern." Also eine strikte Kontrolle der ausgepflanzten Rebsorten, der Versuch, die historischen Anbauflächen gegen die Tendenz, sie bis zur Unkenntlichkeit aufzublähen (Brunello, Champagne??) ..., das alles gefährdet jahrhundertealte Traditionen? Und anreichern müssen vor allem die Winzer in Österreich und Luxemburg? Hier erübrigt sich jedes weitere Wort, und man fragt sich allenfalls, ob die Redaktion von Welt online auch Mitarbeiter hat, die des Lesens und Schreibens kundig sind.

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Aus unserer Weingutsdatenbank

**(*) Weingut Willi Schaefer - Mosel (Deutschland )
Hauptstraße 130  D - 54470 GRAACH
Telefon: 06531-8041 - Telefax: 06531-1414
e-mail: weingut-willi-schaefer@t-online.de - homepage: 
Besitzer: Christoph & Willi Schaefer 
Weinberge bewirtschaftet (ha): 4
Weinbergslagen: Graacher Himmelreich, Graacher Domprobst
Rebsorten: Riesling
Weinnamen: -
jährliche Flaschenfüllung: 32.000

  
Das Weingut Willi Schaefer besteht seit 1590 und bewirtschaftet 4 ha in steilen Schieferhängen (bis zu 70 % Hangneigung). Die Weinberge sind zu 100 % mit Riesling bepflanzt und sind bis zu 80 Jahre alt. In unserm Keller lagern Weine ab 1921, da sie ein grosses Alterungspotenzial haben. 

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Dass en passant auch noch jede Menge falscher Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden - wie etwa die, australische oder US-amerikanische Weine seien billiger als die europäischen: Das Gegenteil ist der Fall! -, muss da den Leser nicht einmal mehr wundern, eher wäre das Gegenteil erstaunlich. Mit solchen falschen Tatsachenbehauptungen muss man sich auch in Internet-Weinforen immer wieder herumschlagen. Da behauptete kürzlich ein Weinfreund, die EU wolle jetzt bei Tafelweinen auch die Nennung der verwendeten Rebsorte(n) und des Jahrgangs verbieten, was nicht nur deshalb absurd ist, weil gerade das bisher (!) verboten war, sondern auch, weil dieses Verbot mit der geplanten Abschaffung (!) der Kategorie der Tafelweine - an ihre Stelle treten Weine ohne geographischer Angabe (Korrektur 3.8.09) - aufgehoben (!) werden soll: Tafelweine bzw. ihre legalen Nachfolger, um es noch einmal klar zu sagen, dürfen in Zukunft, anders als in der Vergangenheit, Jahrgang und Sorte deklarieren!

In diesem Stil geht es weiter. Da bedauert ein Freund provençalischer Roséweine, die EU habe es mit der neuen Weinverordnung "erstmals" erlaubt, Rosé durch Verschneiden von rotem und weißem Wein zu produzieren - und wie bitte, wurde bisher der Großteil des Roséchampagners ganz legal hergestellt? - und sieht schon seine liebgewonnenen Sommertropfen durch Billigverschnitte aus der Neuen Welt gefährdet. Und ein zweiter Weinfreund sekundiert, auf den Einwand, auch in Deutschland gäbe es ja schließlich Rotlinge aus roten und weißen Trauben, die würden nicht durch Verschneiden, sondern gemeinsames Keltern erzeugt, was ja schließlich - wissen wir doch alle, oder?! - das höherwertige Verfahren sei. Komisch nur, dass bisher noch niemand den Erzeugern einiger der größten Weine der Welt - Bordeaux und andere - erzählt hat, dass gemeinsames Keltern verschiedener Trauben höherwertige Weine hervorbringt als das Verschneiden der Weine nach der Gärung!

Praktischer Sündenbock

Das wichtigste aber, und damit kommen wir wieder zum Ausgangspunkt dieses Textes zurück: Die EU, die jahrzehntelang dafür kritisiert wurde, dass sie alles und jeden überregulierte, dass sie sich auch noch in die kleinsten Details der Produktion regionaltypischer Produkte einmischte, hat mit dem neuen Regelwerk einen wirklich neuen Ansatz realisiert. Sie überlässt die Festlegung, was erlaubte und was nicht erlaubte önologische Verfahren sind, voll und ganz der OIV, der Internationalen Weinorganisation mit Sitz in Paris. Wer aber ist diese OIV? Sie ist ein Verbund (fast) aller Weinbauländer, dessen Repräsentanten - d. h. die Menschen, die über diese önologischen Verfahren entscheiden - genau jene Weinbaufunktionäre sind, die in der letzten Zeit am lautesten gegen das neue Regelwerk der EU geschimpft und gewettert haben. Und nicht vergessen: In der OIV haben genau so die europäischen Weinbauländer ein stärkeres Gewicht über die Länder der Neuen Welt, wie ja auch die überwiegende Mehrzahl der önologischen Verfahren, die unsere Demagogen gerne der Neuen Welt anlasten würden, eben nicht von dort stammen, sondern im alten Europa entwickelt wurden.

Verständlich ist diese Haltung der Funktionäre natürlich schon. Wie bequem war es doch in der Vergangenheit, als man, wenn die eigene Politik nicht mehr zog, immer noch die EU-Bürokraten als Sündenböcke hatte und mit ihnen nach Belieben Haut-den-Lukas spielen konnte! Und wie schön war es, ungestraft jeden Mist in die Welt posaunen zu können, der einem gerade durch die Vorkammer des Gehirns flimmerte! Soll man jetzt als armer Weinbaufunktionär vielleicht auch noch die Verantwortung für das übernehmen, was man selbst beschlossen und verabschiedet hat? 

Und so will es mir auch nicht als Zufall erscheinen, dass ausgerechnet der Präsident des VDP sich diesmal nicht (!) in die Phalanx der EU-Prügler einreihte, sondern in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme hervorhob, dass die neuen Vorschriften der EU große Chancen für den Qualitätsweinbau böten. Das ist doch mal ein Wort!

meint Ihr

Eckhard Supp

WorldWine News                             7.2.10

ENO WorldWine bricht alle Rekorde ++ USA: Wein wird zunehmend Bestandteil des jungen Lifestyles ++ Merlot-Muttersorte entdeckt ++ Chiles Flaschenexport explodiert ++ Constellation "entlässt" 500 australische Winzer ++ Südafrika setzt auf leichtere Weinflaschen ++ Champagner-Export zum Jahresende erholt ++ Chinesen kaufen in Südaustralien ++ Georgiens Weinexport in der Krise ++ Kaliforniens Weinabsatz auf US-Markt sinkt deutlich ++ China wird zum Weinexporteur ++ ... und unser RSS-Reader mit ständig aktualisierten Nachrichten aus den Weinmedien der ganzen Welt ++ alle Newsartikel im Archiv ...

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